Fake News, KI-generierte Texte und eine Flut an Online-Informationen: Kritisches Denken gilt als eine der zentralen Zukunftskompetenzen. Im Fokusbereich REFLECT erforschen Wissenschaftler*innen der Universität, wie Kinder und Jugendliche lernen, Informationen zu prüfen, Argumente abzuwägen und Perspektiven zu wechseln – und wie auch Familien und Lehrkräfte dabei gestärkt werden können.
Demokratien, die von Desinformation bedroht sind, brauchen Bürger*innen, die Fake News erkennen, Quellen prüfen und Argumente abwägen können. Das schließt auch die Fähigkeit ein, Grautöne wahrzunehmen. „Schwarz-Weiß-Positionen sind in unserer komplexen Welt selten hilfreich“, sagt Professorin Dr. Kirsten Berthold aus dem Sprecher*innenteam von REFLECT, dem ebenfalls die Professor*innen Dr. Susanne Miller, Dr. Matthias Wilde und Dr. Fabian Wolff angehören. 25 Forschende aus neun Fakultäten – schwerpunktmäßig aus der Lehrer*innenbildung – arbeiten in dem Fokusbereich zusammen.

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Die Wissenschaftler*innen beschreiben und erfassen die Entwicklung des kritischen Denkens von Schüler*innen aus unterschiedlichen Fachperspektiven und entwickeln theoriebasiert wirksame Fördermaßnahmen für die Praxis. „Die Universität Bielefeld mit ihrer Diskurskultur bietet den idealen Ort, um diese Kompetenz zu erforschen und zu fördern“, sagt Kirsten Berthold.
Ein übergreifendes Modell für kritisches Denken
Der Fokusbereich REFLECT baut auf einem Rahmenmodell auf, das sich am Angebots-Nutzungs-Modell orientiert. Die Grundannahme: „Schüler*innen entwickeln besonders dann kritisches Denken, wenn sie einerseits in Schule, Familie und Freizeit geeignete Anregungen erhalten und andererseits motiviert und befähigt sind, diese Angebote auch zu nutzen“, erklärt Professor Dr. Fabian Wolff. Das Modell macht sichtbar, welche Institutionen, Bezugspersonen und individuellen Merkmale beim Erwerb dieser Kompetenz entscheidend sind.
Verschiedene Perspektiven, ein gemeinsames Ziel
REFLECT baut auf einer Reihe von Forschungsprojekten auf. So wird in dem von Professorin Dr. Susanne Miller geleiteten Projekt FragS (Fragen im Sachunterricht der Grundschule) untersucht, ob und inwiefern Kinder schon in der Grundschule ihre Fragen in den Unterricht einbringen und wovon das abhängt. FragS ist eine der größten Unterrichtsvideographie-Studien Deutschlands. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Videostudie analysiert, welche Fragen Schüler*innen stellen, wie diese mit den Fragen der Lehrkräfte zusammenhängen und welche Rolle hierbei die Unterrichtsqualität spielt. Diese Arbeit zeigt, dass kritisches Denken nicht erst mit der Bewertung von Informationen beginnt, sondern mit der Fähigkeit, gute Fragen zu stellen.

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Passend hierzu wurde bereits erforscht, wie sich argumentatives Denken trainieren lässt. In dem von Kirsten Berthold geleiteten DFG-Projekt „Skill & Will argumentativen Denkens“ wurden Programme entwickelt, die Jugendlichen helfen, Perspektiven zu wechseln, Begründungen abzuwägen und eigene Argumente zu entwickeln. Diese Trainings erwiesen sich als wirksamer Weg, um wichtige Grundlagen des kritischen Denkens schon in der gymnasialen Oberstufe zu stärken.
Das von Professorin Dr. Stefanie Schwedler und Professor Dr. Matthias Wilde geleitete Projekt „LFB-Labs-digital“ – LFB steht für Lehrkräftebildung – wendet sich hingegen digitalen Lernorten zu. In Schüler*innenlaboren, von den teutolabs in Bielefeld bis zu coolMINT in Paderborn, werden Lehrkräftefortbildungen angeboten. Dort werden digitale Medien erprobt und ihre Wirkung auf das Lernen unmittelbar erfahrbar gemacht. Ziel ist es, Lehrkräfte und damit auch Schüler*innen für eine digitale Welt zu rüsten, in der kritisches Denken ebenso wichtig ist wie Fachwissen.
Eine weitere Perspektive eröffnet das Verbundprojekt „Gemeinsam Online: Suchen. Finden. Verstehen“ unter Leitung von Professorin Dr. Anna-Maria Kamin. Es wird vom Bundesfamilienministerium gefördert und richtet sich an Familien mit Grundschulkindern. Gemeinsam sollen Eltern und Kinder lernen, Informationen aus dem Internet kritisch zu prüfen und KI-Anwendungen verantwortungsvoll zu nutzen.
Die Wissenschaftler*innen des Fokusbereichs REFLECT verbinden in ihren Projekten Forschung über Schule, Familie und Lehrkräftebildung. „So entsteht ein umfassendes Bild davon, wie kritisches Denken in verschiedenen Lebensbereichen entsteht und gefördert werden kann“, sagt Kirsten Berthold vom Sprecher*innenteam.
Forschung für eine widerstandsfähige Gesellschaft
Ziel von REFLECT ist es, wissenschaftlich fundierte Wege aufzuzeigen, wie kritisches Denken als Zukunftskompetenz gestärkt werden kann. Dabei geht es nicht nur um theoretische Modelle, sondern um konkrete Angebote und Interventionen, die in erster Linie Schüler*innen, darüber hinaus aber auch Eltern und dann natürlich auch Lehrkräfte und insbesondere Lehramtsstudierende erreichen. „In einer Zeit, in der Informationen in Sekunden weltweit verbreitet werden, kann kritisches Denken helfen, demokratische Debatten sachlicher und konstruktiver zu gestalten“, so Berthold.

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