Am 15. Mai rückt die Familie in den Mittelpunkt: Der Internationale Tag der Familie lenkt den Blick auf Lebensformen, Erziehung und politische Rahmenbedingungen. Die Bielefelder Wissenschaftlerinnen Professorin Dr. Sonja Blum (Politikwissenschaft), Professorin Dr. Nina Heinrichs (Psychologie) und Professorin Dr. Anna-Maria Kamin (Erziehungswissenschaft) haben jüngst den Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen des Bundesfamilienministeriums auf Basis ihrer Forschung zur „Familie der Zukunft” beraten. Ein Einblick in die Forschung der drei Wissenschaftlerinnen.
„Wandel in der deutschen Familienpolitik bisher unvollständig“
Professorin Dr. Sonja Blum arbeitet zu familienpolitischen Maßnahmen und bringt diese Expertise in strategische Fokusbereiche der Universität ein – UNIVERSAL zu Ansprüchen auf Allgemeingültigkeit und deren Infragestellung sowie ConGeD zu Geschlecht und Demokratie. Ihr neues Bielefelder Forschungsprojekt zur Familienpolitik ist Teil des Sonderforschungsbereichs 1342 „Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik“, geleitet von der Universität Bremen.
Professorin Dr. Sonja Blum erforscht, wie sich Familienpolitik wandelt – insbesondere im internationalen Vergleich: „Ich gehe der Frage nach, wie bestimmte familienpolitische Maßnahmen als Lösungen für gesellschaftliche Probleme definiert und dann politisch umgesetzt werden.” In einer Studie zu familienpolitischen Maßnahmen während der Corona-Pandemie hat sie nachgewiesen, wie stark sich Entscheidungen zu Kita- und Schulschließungen international unterschieden haben.

© Universität Bielefeld / Sarah Jonek
In ihrem neuen Forschungsprojekt im Sonderforschungsbereich 1342 untersucht sie, wie Entscheider*innen in der Politik wissenschaftliche Erkenntnisse zu familienpolitischen Maßnahmen in der Gesetzgebung aufnehmen und daraus lernen: „Das beeinflusst, ob Reformen gelingen und welche Rahmenbedingungen Politik für Familien setzt.“
Die internationale Forschung habe Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten besonders stark in den Blick genommen: Mehrere Reformen haben die zuvor stark familienbezogene Tradition der Familienpolitik in der Bundesrepublik verändert. Dazu gehören die Einführung des Elterngeldes und der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Sonja Blum dazu: „Heute zeigt sich jedoch: Der Wandel hatte Grenzen. Vor allem die weiterhin ungleiche Verteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit zwischen Frauen und Männern besteht weiter.“ Zudem seien in den vergangenen Jahren zentrale Reformvorhaben gescheitert, etwa die Einführung einer eigenständigen Väterzeit nach der Geburt.
„Familien in ihren Krisenerfahrungen ernst nehmen“
Professorin Dr. Nina Heinrichs untersucht als Psychologin und Psychotherapeutin, welche Unterstützungsangebote Familien bei seelischen Krisen wirksam unterstützen. Mit dieser Forschung vernetzt sie sich im Fokusbereich InChange der Universität, der Individualisierung in sich ändernden Umwelten zusammenführt.
In der psychologischen und psychotherapeutischen Forschung wird intensiv untersucht, wie biografische Hintergründe von einzelnen Familienmitgliedern die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern beeinflussen. Nina Heinrichs‘ Forschungsfokus liegt darüber hinaus auf den weniger offensichtlichen äußeren Einflüsse auf Familien, die ihren Alltag prägen: etwa Rassismus, Diskriminierung und Migration, aber auch die wirtschaftliche Lage oder welche sozialen Normen Familien beeinflussen. Familien durchleben hier oft Krisen.

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„Familien sollten in ihren Erfahrungen von Krisensituationen ernst genommen werden. Sie sind die Expert*innen in ihren Lebenslagen und entwickeln ganz eigene Strategien, um mit Krisen umzugehen“, erklärt Nina Heinrichs. Ob Beziehungen in Familien gelingen, werde häufig den einzelnen Personen und viel zu selten in seiner systemischen Verankerung betrachtet. Sie hat zuletzt gemeinsam mit Familien Unterstützungsangebote für sie in verschiedenen Lebenslagen entwickelt und auf ihre Wirkung hin überprüft – etwa in Osteuropa. Ein Ergebnis: „Oft können schon kleine Veränderungen große Wirkungen haben. Nicht immer muss alles ganz anders werden.“
Entscheidend sei die Mitgestaltungsmöglichkeit der Familienmitglieder: Was wünschen sich die Eltern, was möchten die Kinder und Jugendlichen? Darüber hinaus betont Nina Heinrichs: „Es braucht außerdem mehr wertschätzende Haltung für Familien in all ihrer Vielfalt.“
„Familien prägen früh den Erwerb digitaler Kompetenzen von Kindern“
Dr. Anna-Maria Kamin ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik im Kontext von schulischer Inklusion mit engen Bezügen zum Fokusbereich REFLECT der Universität, der kritisches Denken von Schüler*innen als Schlüsselkompetenz für Schule und Demokratie versteht. Hier speist sie die Ergebnisse aus dem Verbundvorhaben „Gemeinsam online“ mit der Universität Paderborn ein.
Familie ist der erste und damit prägende Ort, an dem Kinder digitale Medien nutzen und entsprechende Kompetenzen entwickeln. Die zunehmende Nutzung von KI-Anwendungen hebt die Herausforderungen. Professorin Dr. Anna-Maria Kamin untersucht Unterstützungsmaßnahmen zur Gestaltung der häuslichen digitalen Lernumwelt. „Mich interessiert besonders, ob, wie und warum Eltern ihre Kinder beim Erwerb von digitalen Kompetenzen unterstützen und wie Familien in diesem Prozess gefördert werden können.”
Kinder recherchieren zuhause regelmäßig im Internet für Hausaufgaben, Referate oder Klassenarbeiten. „Wir beobachten in unseren Studien, dass die Recherchen oft oberflächlich bleiben. Ergebnisse und Quellen werden nicht ausreichend hinterfragt, bewertet oder weiterverarbeitet”, berichtet Anna-Maria Kamin. Oft helfen die Eltern bei den Recherchen und greifen auf digitale Quellen zurück. „Wir sollten die vorhandenen Ressourcen in Familien gezielt aufgreifen und Eltern so unterstützen, dass sie ihre Kinder sicher durch die digitale Lernumwelt begleiten können. Dabei müssen Elternhaus und Schule enger zusammenarbeiten. Es muss klar sein, wer für welche Bereiche die Verantwortung für den Erwerb digitaler Kompetenzen übernimmt.“
Studien von Anna-Maria Kamin zeigen, dass sozio-kulturelle Bedingungen stark beeinflussen, wie gut Kinder digitale Kompetenzen entwickeln. Anna-Maria Kamin dazu: „Bildungsungleichheiten können sich durch digitale Mediennutzung verfestigen.“ Die Bildungsforscherin entwickelt und erprobt Maßnahmen, um die digitale Spaltung abzumildern.

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