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„Gesundheitsversorgung Geflüchteter fair gestalten“

„In der Europäischen Union fehlen abgestimmte Standards zur medizinischen Versorgung von Geflüchteten“, sagt der Gesundheitswissenschaftler und Epidemiologe Professor Dr. med. Oliver Razum von der Universität Bielefeld. Die EU-Massenzustromrichtlinie anzuwenden und Geflüchteten aus der Ukraine so kurzfristig staatliche Unterstützung zuzusichern, sei eine beachtliche Entscheidung gewesen. „Die Fluchterfahrung ist für die Betroffenen gesundheitlich kritisch“, sagt Razum, der am morgigen Mittwoch einen Vortragsabend zu Herausforderungen bei der Versorgung von ukrainischen Geflüchteten leitet (siehe Infokasten). Zwar hätten viele Geflüchtete aus der Ukraine das Glück, in Privathaushalten unterzukommen. „Problematisch bleibt aber weiter die Lage in vielen Sammelunterkünften für Geflüchtete.“ Im Interview spricht Oliver Razum darüber, welche Schwierigkeiten Geflüchtete aus der Ukraine im Aufnahmeland erleben und wie der Krieg sich auf Bevölkerungsgesundheit auswirkt.

Europaweit sind viele Geflüchtete aus der Ukraine in Sammelunterkünften untergebracht. Welches Risiko ist mit solchen Unterkünften verbunden, wenn es um Corona und andere Infektionskrankheiten geht?

Schon früh in der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass Sammelunterkünfte für Geflüchtete leicht zu Hotspots für Infektionen werden. Das konnten Bielefelder Wissenschaftler*innen in einer Studie belegen. Die große räumliche Nähe der Menschen in den Unterkünften begünstigt generell, dass sich unter den Bewohner*innen Infektionskrankheiten ausbreiten. Viele Personen müssen sich wenige Küchen, Toiletten und Duschen teilen. Durch die Art der Unterbringung steigt auch das Übertragungsrisiko für Maserninfektionen oder Tuberkulose. Beide Krankheiten werden über Tröpfchen in der Atemluft übertragen.

Bild der Person: Prof. Dr. Oliver Razum, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG 3 Epidemiologie & International Public Health
„Geflüchtete in allen Ländern – und das gilt nicht nur für Menschen aus der Ukraine – brauchen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben”, sagt der Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. med. Oliver Razum.

Am Zentrum für interdisziplinäre Forschung haben Sie mit Kolleg*innen auf einer Tagung im Vorjahr erörtert, welche Herausforderungen mit der Unterbringung von Geflüchteten verbunden sind. Welche Probleme sehen Sie neben dem erhöhten Risiko, sich mit Infektionskrankheiten anzustecken?

Außer der Gefahr von Infektionen ergeben sich durch das erzwungene Zusammenwohnen auf engem Raum weitere, vielfältige Nöte. Dazu gehören psychische Probleme. Zwar wird für die alltäglichen Bedürfnisse der Geflüchteten gesorgt. Den vielen Geflüchteten, etwa aus Syrien, die nicht von der EU-Massenzustromrichtlinie profitieren, wird zudem die Möglichkeit genommen, ihren Alltag, etwa Ernährung, Arbeit und Freizeit, selbst zu gestalten. Diese Geflüchteten müssen sich in der Regel in einem behördlich festgelegten Bereich aufhalten – einem Bezirk, Kreis oder Bundesland. Durch diese Residenzpflicht ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Verstärkt wurde diese Begrenzung zeitweise dadurch, dass ganze Einrichtungen unter Quarantäne gestellt wurden und die Bewohner*innen die Räume tagelang nicht verlassen durften. Hinzu kommt, dass es Geflüchteten zunächst nicht erlaubt ist, einer Arbeit nachzugehen. Das hindert Geflüchtete ebenfalls, ihr Leben im Aufnahmeland selbstbestimmt zu gestalten. Auch dadurch, dass Menschen in den Geflüchtetenunterkünften sich kaum zurückziehen können, kommt es vermehrt zu körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt. Diese Gewalt richtet sich häufig gegen Bewohner*innen, die einer Minderheiten angehören – wenn etwa Menschen wegen ihrer Nationalität angegriffen werden.

Seminarreihe zu Gesundheit in Zeiten des Krieges

Wie wirken sich Kriege auf die Bevölkerungsgesundheit aus? Zu dieser Frage wurde an den Fakultäten für Gesundheitswissenschaften europäischer Universitäten in jüngerer Zeit kaum gelehrt. Der Grund: Krieg in Europa galt weithin als ein Phänomen der Vergangenheit. Diese Wahrnehmung hat sich durch den Einmarsch Russlands in die Ukraine und den damit verbundenen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung drastisch verändert. Eine fünfteilige Seminarreihe gibt Einblicke in Bevölkerungsgesundheit in Zeiten des Krieges. Organisiert wird sie von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Forschungsgruppe PH-LENS (FOR 2928) in Kooperation mit ASPHER, dem Netzwerk europäischer Public-Health-Fakultäten. PH-LENS wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und von Prof. Dr. med. Oliver Razum von der Universität Bielefeld geleitet. Am morgigen Mittwoch, 25. Mai, ab 18 Uhr geht es um Herausforderungen bei der Unterbringung von ukrainischen Geflüchteten in Deutschland. Vortragende sind Dr. Joost Butenop, Fachberater für Asyl- und Migrationsgesundheit der Bezirksregierung Unterfranken, und Prof. Dr. med. Oliver Razum. Teilnehmende haben Gelegenheit für Fragen und Kommentare. Die Anmeldung zu dem englischsprachigen Onlineseminar ist kostenlos hier möglich.

Welche Ähnlichkeiten stellen Sie fest, wenn sie die Fluchtbewegungen in den Jahren 2015 und 2022 vergleichen?

In beiden Fällen haben sich die deutschen und die europäischen Behörden zu spät darauf eingestellt, kurzfristig eine große Anzahl von Geflüchteten aufzunehmen. In beiden Fällen standen die Zeichen lange Zeit auf Sturm. Schon seit 2012 machten sich zunehmend Menschen aus Syrien und afrikanischen Ländern auf den Weg über das Mittelmeer, um in Europa Schutz zu suchen. Mindestens seit 2014 war die Ukraine militärischen Aktionen Russlands ausgesetzt, die vor dem Angriffskrieg im Februar massiver wurden. Hinzu kommt: Heute wie vor sieben Jahren fehlen europaweit abgestimmte Standards zur medizinischen Versorgung von Geflüchteten. Wie wird erhoben, welche gesundheitlichen Maßnahmen für Geflüchtete, etwa bestimmte Impfungen, vorranging sind? Welche Hilfe erhalten Geflüchtete, wenn sie individuelle Gesundheitsprobleme haben, die behandelt werden müssen? Speziell für Geflüchtete aus der Ukraine wurde zwar eine EU-Richtlinie erlassen. Trotzdem müssen auch sie teilweise Behandlungsscheine im Sozialamt beantragen, bevor sie ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen können. Das ändert sich erst zum 1. Juni. Die Gesundheitsversorgung Geflüchteter muss fair gestaltet werden und sie muss einheitlich geregelt werden – in der gesamten EU. Eine konkrete Maßnahme wäre die flächendeckende Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte für Geflüchtete ohne unfaire Leistungseinschränkungen. Sie erleichtert zudem einen hürdenlosen Zugang zum Gesundheitssystem.

Haben die Erfahrungen aus der Fluchtbewegung von 2015 denn auch zu Verbesserungen geführt?

Ja, nach Russlands Überfall auf die Ukraine wurde umgehend die gerade erwähnte EU-Richtlinie erlassen. Sie gewährt Geflüchteten aus der Ukraine sofortigen Schutz in der EU. Dazu gehört, dass für ukrainische Geflüchtete keine Residenzpflicht gilt. So können sie zu Verwandten oder Freund*innen ziehen, auch wenn diese in anderen EU-Staaten leben. 2015 dagegen beharrten Deutschland und andere EU-Staaten lange Zeit auf dem Dublin-Abkommen. Entsprechend dieser Vereinbarung müssen Geflüchtete in dem EU-Land Asyl beantragen, das sie als erstes betreten. Die meisten syrischen Geflüchteten kamen auf griechischen Inseln an. Statt die Ankunftsorte schnell zu verlassen und auf andere Länder verteilt zu werden, mussten viele tausend Geflüchtete monate- oder gar jahrelang in Aufnahmelagern auf den Inseln bleiben.

Bild der Person: Prof. Dr. Oliver Razum, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG 3 Epidemiologie & International Public Health

In Zukunft müssen Public-Health-Forschende viel mehr zum Thema Friedensarbeit als Mittel zum Gesundheitsschutz arbeiten. Das ist eine große Herausforderung.

Prof. Dr. Oliver Razum

Was ist zu tun, um Geflüchteten aus der Ukraine jetzt angemessen zu helfen?

Die Zahl ukrainischer Geflüchteter verteilt sich sehr ungleich auf europäische Länder. Die meisten reisen nach Polen ein, auch Rumänien und Ungarn nehmen eine große Anzahl auf. Deswegen ist es wichtig, die Zivilgesellschaften in diesen und anderen Ländern zu unterstützen. Sie brauchen Geld, um ihre Hilfsmaßnahmen zu finanzieren. Sie brauchen mobile Wohneinheiten, um den Geflüchteten anständige Unterkunft zu bieten. Geflüchtete in allen Ländern – und das gilt nicht nur für Menschen aus der Ukraine – brauchen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Allen Geflüchteten muss zum Beispiel möglichst umgehend ermöglicht werden, Sprachunterricht zu nehmen und einer Arbeit nachzugehen, die an ihr Fachwissen und ihre bisherige Tätigkeit anknüpft. Dafür ist es nötig, dass bisherige Abschlüsse von Schulen, Betrieben und Universitäten anerkannt werden.
Krieg und Flucht sind traumatisierend. Ein Teil der Geflüchteten braucht psychotherapeutische Betreuung, um ihre Erlebnisse aufzuarbeiten. Das gilt insbesondere für Kinder. Eine positive Entwicklung ist, dass viele tausend Privathaushalte Geflüchtete aufgenommen haben. Dadurch kommen sie nicht nur in ein geschütztes Umfeld, sondern werden von den Menschen, die sie aufnehmen, auch unterstützt, sich in den aufnehmenden Ländern zurechtzufinden.

Wie können Sie und ihre Fachkolleg*innen dazu beitragen, mit den Folgen umzugehen, die der Ukraine-Krieg für die Gesundheit von Menschen hat?

Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist und bleibt, Lösungsvorschläge für einen besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung zu machen. Das ist ein wichtiger Beitrag, um eine Diskriminierung von Geflüchteten abzubauen, unabhängig vom Herkunftsland. Wir versuchen zu helfen, indem wir für eine möglichst gute, auf jeden Fall aber freizügige Unterbringung argumentieren. Ein drängendes Thema sind zudem die gesundheitlichen Auswirkungen von Sanktionen gegen Russland. Sie betreffen die Gesundheit der Menschen in Europa – etwa, wenn Ungleichheit weiter zunimmt oder Menschen sich wegen der Preissteigerungen nicht mehr gesund ernähren können. Global gesehen sind die negativen Folgen noch größer. So drohen durch den Krieg in der Ukraine Getreideexporte aus der Ukraine und Russland auszufallen. Das wirkt sich massiv auf die Lebensmittelversorgung vor allem ärmerer Länder in Afrika und Asien aus.
Und natürlich ist auch die Gesundheit der Bevölkerung in Russland betroffen, wenn zum Beispiel Medikamente nicht mehr ins Land kommen. Das stürzt Wissenschaftler*innen, die zu Public Health forschen und sich damit für Bevölkerungsgesundheit einsetzen, in ein Dilemma. Einerseits streben wir an, dass die Menschen in der Ukraine vor dem russischen Angriffskrieg geschützt werden. Andererseits haben die dabei eingesetzten Sanktionen negative gesundheitliche Folgen für Bevölkerungen in vielen Ländern. Wie ist mit diesem Dilemma umzugehen? In Zukunft müssen Public-Health-Forschende viel mehr zum Thema Friedensarbeit als Mittel zum Gesundheitsschutz arbeiten. Das ist eine große Herausforderung.

Zur Person

Der Gesundheitswissenschaftler Dr. med. Oliver Razum ist Professor für Epidemiologie und International Public Health an der der Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Er ist Experte für Migration, Globalisierung und gesundheitliche Ungleichheit. Razum forscht zu sozialen Determinanten von Gesundheit, also Lebensbedingungen und soziale Zugehörigkeit, die individuelle Gesundheit mit bestimmen. Er befasst sich insbesondere damit, wie Diversitätsmerkmale, zum Beispiel eine Einwanderungsgeschichte, und der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung zusammenhängen.

Zur Serie

Wissenschaftler*innen der Universität erläutern in dieser Serie ihre Einschätzungen zum Ukraine-Krieg aus ihrer Fachdisziplin heraus. Zuvor erschienene Interviews: