„Putin verzerrt und instrumentalisiert die Geschichte“

Die Ukraine und Russland sind historisch eng miteinander verflochten. Historiker Dr. Frank Grüner ist Professor für Osteuropäische Geschichte in der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie. Er forscht unter anderem zu Global- und Verflechtungsgeschichte Russlands. Frank Grüner im Interview über die historische Dimension des Ukraine-Kriegs und wie historische Analyse Falschmeldungen entlarven kann.  


Der Ukrainekrieg wird auch als Krieg Putins gegen sein „Brudervolk“ diskutiert, abgeleitet aus der Geschichte beider Länder. Können Sie die historische Dimension dieses Kriegs kurz skizzieren? 

Verkürzt gesagt haben Russ*innen, Ukrainer*innen und Weißruss*innen gemeinsame historische Wurzeln. Sie alle entstammen den ostslawischen Stämmen, die sich im 6. bis 8. Jahrhundert auf dem Gebiet der heutigen Ukraine niederließen. Seit der sogenannten Kiever Rus im 10. Jahrhundert sind sie sprachlich-kulturell-religiös und politisch-administrativ eng miteinander verbunden, bis das Kiever Reich im frühen 13. Jahrhundert zerfiel. Diese in der Geschichtsschreibung Russlands und der Ukraine strittige Epoche liegt mehrere Jahrhunderte vor der Zeit, in der es überhaupt so etwas wie Nationen gab. Die Ukraine wurde danach im 14. und 15. Jahrhundert aus Perspektive des russischen Imperiums als ‚Grenzland‘ bezeichnet ohne das Territorium eindeutig zu definieren. Dieser geschichtliche Kurzabriss zeigt: Dass Putin von ‚historisch bedingten‘ russischen Ansprüchen oder ausschließlich ‚russischem Erbe‘ spricht, wenn es um die Ukraine geht, ist absolut fragwürdig.

Putin spricht der Ukraine auch ihre staatliche Souveränität ab …

… und reduziert sie dabei völlig entstellend auf zwei Aspekte: erstens auf eine ausschließlich russisch-ukrainische Einheit als ein gemeinsam historisch gewachsener, kulturell-geistiger Raum. Zweitens auf die Ukraine als ein Grenzland, das über Jahrhunderte in kultureller Verbundenheit und unter dem Schutz von Russland existiert habe, bis es von Lenin und den Bolschewiki in der Sowjetzeit ‚willkürlich‘ zu einer Republik gemacht und ‚historisch ungerechtfertigt‘ mit russischem Territorium ausgestattet worden sei. Der Sündenfall der Ukraine liegt nach Putin in der Aufkündigung dieser heiligen Allianz mit Russland. Historische Entwicklungen wie die ukrainische Nationalbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert oder Fakten wie den Massenterror des stalinistischen Regimes gegen die ukrainische Bevölkerung – letztere war eine wesentliche Ursache für die Kollaboration größerer Teile der ukrainischen Bevölkerung mit Hitler-Deutschland – blendet Putin bewusst aus.

Zur Person

Der Historiker Dr. Frank Grüner ist Professor für Osteuropäische Geschichte in der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie. Er forscht im Profilbereich Global- und Verflechtungsgeschichte der Abteilung Geschichtswissenschaft.

Grüners Themen mit Blick auf den Ukraine-Krieg: Geschichte des russischen Imperiums und der Sowjetunion, russisch-europäische und russisch-asiatische Austauschbeziehungen, russische Geschichtspolitik, Zivilgesellschaft in Russland.

Inwiefern verdreht Putin die Fakten und instrumentalisiert Geschichte, wenn er sein militärisches Eingreifen mit einer Entnazifizierung der Ukraine begründet?

Er spielt im Kern auf das Phänomen der Kollaboration von ukrainischen Sowjetbürger*innen mit dem deutschen Besatzungsregime während des Zweiten Weltkriegs an. Und ja, es hat Kollaboration gegeben, nicht nur auf ukrainischer Seite, auch von anderen Sowjetbürger*innen. Aber auch das muss man in den richtigen historischen Kontext stellen. Die ukrainische Bevölkerung hat wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe unter dem stalinistischen Terror gelitten, allein in den 1930er Jahren gab es schätzungsweise 3,5 bis 4 Millionen Opfer in der Ukraine. Da fällt es nicht schwer zu verstehen, warum Hitler-Deutschland von Teilen der Bevölkerung als eine Art ‚Befreier‘ von der sowjetischen Terrorherrschaft gesehen wurde. Aber auch das ist nur ein Teil der Geschichte. Denn Millionen von Ukrainer*innen haben ihr Leben im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland – in der Sowjetarmee, als Partisan*innen oder Zivilist*innen – verloren und damit maßgeblich zum Sieg der Sowjetarmee gegen das nationalsozialistische Deutschland beigetragen.

Als Forscher beschäftigen Sie sich mit „Verflechtungsgeschichte“. Wie können Sie Ihr Forschungsfeld auf den aktuellen Ukrainekrieg anwenden?  

Wenn ich die Ukraine heute verstehen will, muss ich auch die historischen Beziehungen und die verschiedenen Interessen und Akteur*innen sowie kulturelle und über nationale Grenzen hinaus wirkende Verflechtungen analysieren. Die Ukraine, wie Osteuropa insgesamt, stellt dabei einen kulturell und politisch sehr heterogenen Raum dar – vor allem in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Menschen aus der Ukraine, Russland, Deutschland, Griechenland, Jüd*innen und Vertreter*innen zahlreicher anderer Kulturen, Religionen und Nationen haben in Städten wie Odessa oder Lwiw über Jahrhunderte nebeneinander oder miteinander gelebt. Mal friedlicher, mal konfliktreicher. Ihr Zusammenleben war und ist stark von der Politik auf staatlicher und internationaler Ebene geprägt. Diese sozialen, kulturellen oder nationalen Verflechtungen spielen in einem Konflikt oder Krieg aber vielfach eine besonders wichtige Rolle. Sie treten in Erscheinung oder werden politisch instrumentalisiert, so wie Putin die Rolle der russischen Bevölkerungsgruppen in der Ukraine für seine imperiale Politik instrumentalisiert. Mit diesen komplexen Austauschprozessen und Wechselwirkungen beschäftigt sich die Verflechtungsgeschichte.

Wie schätzen den weiteren Verlauf des Krieges und dessen Folgen auf globaler Ebene ein?

Ich bin kein Militärexperte, aber die prinzipielle militärische Überlegenheit Russlands steht trotz erkennbarer Defizite der russischen Streitkräfte für mich nach wie vor außer Frage. Die aggressive Rhetorik Putins und die Brutalität des Vorgehens, auch gegen die ukrainische Zivilbevölkerung, machen eine diplomatische Lösung, wie auch immer die aussehen könnte, zunehmend unwahrscheinlich, zumal nicht erkennbar ist, wie eine friedliche Nachkriegsordnung aussehen könnte. Putin wird auf die eine oder andere Weise weiter bis zur Kapitulation der Ukraine kämpfen lassen, die Ukrainer*innen ihrerseits werden ihre Unabhängigkeit bis zum Letzten verteidigen.

Doch politisch hat Putin diesen Krieg bereits verloren. Eine von Moskau eingesetzte Marionettenregierung werden die Ukrainer nicht akzeptieren. Den Widerstand der ukrainischen Bevölkerung wird das Putin-Regime mit allen Mitteln unterdrücken, aber mittel- bis längerfristig wird das nicht gelingen. Ob China, die Türkei oder ein anderer Akteur der Weltpolitik zwischen Russland und der Ukraine erfolgreich vermitteln können wird, hängt von der Bereitschaft des Putin-Regimes zum Verhandeln ab. Das ist nicht erkennbar. Auch nach den jüngsten Gesprächen in Istanbul glaube ich nicht, dass Putin eine souveräne Ukraine akzeptieren wird.

© Universität Bielefeld

„Meiner Überzeugung nach wird es mit Putin keine ernsthaften Friedensverhandlungen geben.“

Professor Dr. Frank Grüner

Damit kommt der Zivilbevölkerung in Russland eine Schlüsselrolle zu. Erst wenn sie Putin die Gefolgschaft verweigert und den Despoten in die Wüste schickt, kann es einen Neuanfang in den russisch-ukrainischen Beziehungen geben. Das wird vermutlich nicht so bald passieren, zumal gerade viele regime-kritische Russ*innen das Land verlassen. Noch sitzt Putin fest im Sattel und es wird ein schmerzhafter Prozess, bis größere Teil der russischen Gesellschaft das wahre Ausmaß der Verbrechen des Putin-Regimes erkennen. Bis dahin wird sich Putins Russlands international immer weiter isolieren und die Welt mit Propaganda und Hass überziehen. Ein Krieg Putins gegen NATO-Staaten ist zumindest zurzeit eher unwahrscheinlich, weil ihn Russland nicht gewinnen kann. Das versteht Putin. Insgesamt aber kein besonders erbaulicher Ausblick, ich weiß!

Aus der Perspektive des Historikers: Was können Sie angesichts des Ukrainekriegs jetzt tun?

Analysieren und aufklären. Als Wissenschaftler*innen müssen wir mit unseren Möglichkeiten darauf hinwirken, die Lage klar zu analysieren und Verbrechen gegen das Völkerrecht beim Namen zu nennen. Das ist in der Vergangenheit nicht immer ausreichend deutlich und konsequent geschehen. Im Fall des Kriegs gegen die Ukraine kommt der Geschichte und Geschichtspolitik des Putin-Regimes eine besondere Stellung zu. Denn die russische Regierung begründet ihren Angriffskrieg, den sie nicht so nennt, historisch. Putin ist geradezu obsessiv davon überzeugt, Vollstrecker einer historischen Mission Russlands zu sein. Die Falschdarstellungen und Fake news müssen wir als Historiker*innenmit Blick auf die Geschichte der Ukraine richtigstellen und die Rhetorik wie Taten des Putin-Regimes als das entlarven, was sie sind: als aggressive Kriegspropaganda und als schwere Verbrechen gegen das Völkerrecht und die Menschlichkeit.

Zur Serie

Wissenschaftler*innen der Universität erläutern in dieser Serie ihre Einschätzungen zum Ukraine-Krieg aus ihrer Fachdisziplin heraus. Zuvor erschienene Interviews: