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Geschlecht, Vielfalt und gesellschaftlicher Wandel


Text: Dr. Manuela Lenzen

Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit und Pluralität gelten nicht mehr selbstverständlich als zentrale gesellschaftliche Leitideen. Sie sind zu umkämpften Themen geworden und stehen nicht selten im Mittelpunkt anti-demokratischer Politiken. Wie es dazu kommen konnte, erforscht die Fokusgruppe „Contestations of Gender & Democracy: Konzepte, theoretische Perspektiven und empirische Felder“. Im März dieses Jahres hat die Gruppe bereits am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) gearbeitet, im August treffen die Forschenden sich nun zum nächsten Workshop. Drei Fragen an Professorin Dr. Diana Lengersdorf, die die Fokusgruppe gemeinsam mit der Soziologin Professorin Dr. Heidemarie Winkel leitet. Die Fokusgruppe hat sich auch zum Ziel gesetzt, das interdisziplinäre Profil des Fokusbereichs ConGeD der Universität zu stärken.

Jahrelang waren Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechterrechte ein großes Thema. Jetzt geraten sie mehr und mehr unter Druck. Was ist da los?

Diana Lengersdorf: Genau diesem Moment, in dem man sich erstaunt die Augen reibt, gilt unser Erkenntnisinteresse: dieser unglaublich schnell sich entfaltenden Dynamik, mit der Errungenschaften jetzt infrage gestellt und an manchen Orten, etwa in den USA, auch durch staatliche Instanzen rückabgewickelt werden. Der Konsens, dass wir etwas tun müssen, damit Menschen ihr Leben leben können, wie sie mögen, auch in Geschlechterfragen, erodiert. Diese Entwicklung hat uns überrascht. An vielen Orten der Welt war Geschlechtergerechtigkeit allerdings noch nie ein Thema, an anderen, etwa in Ungarn, war sie stärker umkämpft.

Eine Frau mit Mikro und in helller Jacke
Professorin Dr. Diana Lengersdorf ist Professorin für Geschlechtersoziologie an der Universität Bielefeld und leitet gemeinsam mit Professorin Dr. Heidemarie Winkel die Fokusgruppe „Contestations of Gender and Democracy: Konzepte, theoretische Perspektiven und empirische Felder“

Haben Sie schon Erklärungsansätze?

Diana Lengersdorf: Man muss sehen, dass Gesellschaften immer in Bewegung sind. Wie wir Gerechtigkeit oder Geschlechterpluralität herstellen, wird immer wieder neu ausgehandelt, da ist nichts in Stein gemeißelt. Was wir jetzt beobachten ist, dass bestimmte Positionen, die in Deutschland immer da waren, nur nicht so hörbar, jetzt relativ schnell reaktiviert werden. Vor allem, weil der autoritär-rechte Populismus sich das Thema sehr zu eigen macht. Man kann damit nämlich unglaublich gut Gefühle mobilisieren. Dass Fragen aufgeworfen werden rund um Geschlechtlichkeit, verunsichert viele Menschen. Autoritäre Bewegungen bieten dann einfache Antworten an. Dabei gibt es das „Normale“ nicht, zu dem die Populisten zurückwollen. Es gab und gibt eine Pluralität von geschlechtlichem Leben überall auf der Welt, auch in Deutschland. Wir haben uns als Gesellschaft nur nicht dafür interessiert, haben sie totgeschwiegen oder es den Menschen unmöglich gemacht, so zu leben, wie sie leben wollten. Dabei könnte man sich über Vielfalt ja auch freuen.

Woran arbeiten Sie in der Fokusgruppe?

Diana Lengersdorf: Die Geschlechterforschung ist traditionell ein sehr interdisziplinäres Feld. Obwohl wir aus unterschiedlichen Disziplinen kommen, haben wir eine gemeinsame Sprache. Und wir haben zugleich viele unterschiedliche Perspektiven auf das Thema, das ist sehr bereichernd. Wir folgen einem intersektionalen Ansatz, das heißt, wir versuchen zu verstehen, wie unterschiedliche Dimensionen zusammenwirken. Das Geschlecht bestimmt ja nicht alleine über die Stellung in einer Gesellschaft, sondern beispielsweise auch Dimensionen wie Alter, Klasse oder die Frage, ob ich von Rassisierung betroffen bin. Mit dem Konzept der Intersektionalität kann man besser verstehen, wie diese Dimensionen von Ungleichheit zusammenwirken, sich verstärken oder abschwächen.