Die eine ist Literatur-, die andere Kognitionswissenschaftlerin. Beide setzen sich in ihrer Arbeit mit Texten, mit Sprache auseinander, forschen und lehren in diesem Kontext auch immer wieder zu Genderfragen. Und noch etwas haben Professorin Dr. Heide Volkening und Professorin Dr. Evelyn Ferstl gemeinsam: Ihr akademisches Schaffen ist interdisziplinär geprägt. Auf Einladung der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft haben sie im Sommersemester die Gender-Gastprofessuren des Studienjahres 25/26 an der Universität Bielefeld übernommen.
Literatur als besonders geeignete Diskursform für Genderthemen
Geschlechterforschung in der Literaturwissenschaft hat einen Wandel durchlaufen. Wurde hierbei in den Anfängen vor allem die Literaturgeschichtsschreibung aufgearbeitet, die lange nur oder vor allem die Texte männlicher Autoren für relevant hielt, verschob sich der Fokus durch die Entdeckung und Einbeziehung von Autorinnen hin zu einer ergänzenden Literaturgeschichte. „Spätestens in den 1990er-Jahren weitete sich der Blick und seitdem werden vermehrt literarische Modellierungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie Möglichkeiten und Codierungen nichtbinärer und binärer Geschlechtervorstellungen untersucht“, sagt Professorin Dr. Heide Volkening, die an der Universität Greifswald Literaturwissenschaft und Gender Studies lehrt. Inzwischen seien die Gender Studies in der Literaturwissenschaft etabliert und gehörten wie andere Theorien und Methoden zum festen Repertoire des geisteswissenschaftlichen Studiums.

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Volkening selbst reizt es in ihrer Forschung immer wieder, einen Blick über den Tellerrand zu wagen, sprich interdisziplinäre Zusammenhänge zu betrachten. Beispielsweise beschäftigte sich die Literaturwissenschaftlerin in ihrer Dissertation mit Autorinnen-Autobiographien und Ghostwriting – ein Thema, das Literaturtheorie, Gender Studies und Urheberrecht verband. In ihrer Habilitation und späteren Arbeiten zum Thema „Arbeit“ gab es Berührungspunkte mit der Arbeitswissenschaft und Soziologie sowie dem Marxismus. Volkening forschte etwa zu „Working Girls“, also zu arbeitenden jungen Frauen in der Literatur der Weimarer Republik. „Literatur erscheint mir in allen diesen Zusammenhängen immer wieder als eine Diskursform, die besser als andere auf künstlerische, experimentelle oder auch affektiv-dynamisierende Weise Themen wie Geschlecht aufgreifen und variieren, neu perspektivieren und verschieben kann.“
Aktuell schreibt Heide Volkening mit der Linguistin Theresa Heyd das Buch „Doing Cringe“, in dem sie gegenwärtige kulturelle und literarische Phänomene der Schamlust mit diskursiven digitalen Praktiken in Verbindung bringen. „Unsere Beobachtung ist, dass cringe eine spezifische Sensibilität der Gegenwart beschreibt, mit der auf kulturelle Veränderungen und soziale Normverstöße reagiert wird. Ähnlich wie bei der Scham treffen hier individuelle Affekte, gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität, ästhetische Verdichtungen und kommunikative Alltagspraktiken aufeinander und bilden eine sehr interessante, noch zu differenzierende Gemengelage“, so Volkening.
Als Gender-Gastprofessorin zeigte sie unter anderem, wie Scham mit Männlichkeitsentwürfen zusammenhängt. Außerdem beschäftigt sich Volkening im Verbundprojekt „Inklusive Exzellenz in der Medizin“ mit Gender als Wissenskategorie in medizinischen Diskursen. Das interdisziplinäre, vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, Ansätze der Gender Studies in der medizinischen Forschung zu stärken und nachhaltig zu verankern. „Aus der Perspektive der Geisteswissenschaften bieten wir neben dem naturwissenschaftlichen Fokus auf die Operationalisierung geschlechtlicher Differenz eine Art kritische Reflexion, die historische, kulturelle und semantische Bedingungen dieser Differenzierungen transparent macht. Mit Blick auf die Geschichte der Medizin wird etwa am Beispiel der Hysterie sehr schnell deutlich, wie literarische Konstruktionen von Weiblichkeit und medizinische Pathologisierung sich wechselseitig ergänzen.“
Sprache kann Beitrag zu Gleichstellung und Diversität leisten
Dr. Evelyn Ferstl ist Professorin für Kognitionswissenschaft und Genderforschung an der Universität Freiburg und Expertin für gender-inklusive Sprache. In der teils aufgeheizten gesellschaftlichen Debatte ums Gendern plädiert sie für eine sachliche Auseinandersetzung – und trägt mit ihrer Forschung dazu bei, eine Diskussionsgrundlage zu schaffen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Gerade hat sie mit anderen Wissenschaftler*innen ein mehrjähriges Projekt zu gender-inklusiver Sprache abgeschlossen, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Als Gastprofessorin an der Uni Bielefeld hat Ferstl in einem Vortrag für Fachkolleg*innen aus der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft die experimentellen Studien aus dem Forschungsprojekt vorgestellt und diskutiert.
Für die Professorin, die Mathematik und Kognitionswissenschaft studiert und sich in kognitiver Neurowissenschaft habilitiert hat, spricht aus wissenschaftlicher Perspektive viel für gender-inklusive Sprache. Sie ermögliche nicht nur die direkte Adressierung von Personen, die sich nicht innerhalb des binären Spektrums verorten, sondern schließe durch die inklusive Lesart alle Personen ein. Oft wird im Deutschen einfach die männliche Form genutzt, wie bis vor Kurzem in der Formulierung „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“. Aber, so Ferstl, „dass maskuline Personenbezeichnungen – auch wenn sie geschlechtsübergreifend intendiert sein mögen – einen male Bias auslösen, also eher die Vorstellung einer männlichen Person hervorrufen, wurde inzwischen in zahlreichen Experimenten nachgewiesen.“ Auch haben Untersuchungen gezeigt, dass Frauen sich bei gegenderten Formulierungen eher angesprochen fühlen: Studien, die Online-Bewerbungsportale analysierten, konnten beispielsweise zeigen, dass Frauen häufiger auf Anzeigen klicken, wenn sie gender-inklusiv betitelt sind. „Somit kann Sprache auf jeden Fall einen Beitrag zu Gleichstellung und Diversität leisten.“

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Dem Argument von Kritikern, gender-inklusive Sprache erschwere den Spracherwerb, kann Ferstl nicht ganz so viele Studien entgegensetzen: „Erstaunlicherweise existiert dazu noch relativ wenig Forschung.“ Aber einige gibt es doch. Beispielsweise Umfragen, in denen Lesende Texte mit oder ohne Gendersternchen bewertet haben. Die Ergebnisse zeigen, dass nur Texte mit kombinierten Phrasen im Singular (zum Beispiel der*die Lehrer*in) als schlechter verständlich eingestuft werden, nicht aber Texte mit einfacher Konstruktion im Plural (die Lehrer*innen). „Außerdem haben wir in einer gerade publizierten Studie herausgefunden, dass Studierende des Deutschen – mit Erstsprache Niederländisch – Texte mit Genderstern genauso gut lesen und verstehen konnten wie Texte mit maskulinen Personenbezeichnungen.“ In einem weiteren Vortrag während ihrer Zeit an der Universität Bielefeld gab Ferstl aus wissenschaftlicher Perspektive Antworten auf zehn Fragen zu gender-inklusiver Sprache.
Evelyn Ferstls Forschung beschränkt sich nicht auf Genderthemen. „Mein akademischer Weg ist durch Interdisziplinarität geprägt“, betont sie. „Ich verbinde Kognitionswissenschaft mit der Genderforschung, die Linguistik mit der Psychologie. Konkret untersuche ich das Verstehen von Sprache in allen Facetten.“ Dabei seien die Äußerung oder der Text selbst nur ein Teil des Ganzen. Genauso wichtig seien das Vorwissen der Kommunikationspartner*innen, ihre Intentionen, das Genre eines Textes oder die Situation, in der ein Gespräch stattfindet. „Insbesondere interessieren mich die Schnittstelle zur Emotion, beispielsweise in Witzen oder Ironie, und – natürlich – Genderfragen.“ Dass es Ferstl in ihrer Forschung wichtig ist, die Brücke zwischen verschiedenen Fachkulturen zu schlagen, ist auch an ihrem aktuellen Projekt zu erkennen, das von der Leibniz-Gemeinschaft in der Förderlinie „Kooperative Exzellenz“ finanziert wird und so die Zusammenarbeit mit dem Institut für Deutsche Sprache (IDS) und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermöglicht.
„Wir untersuchen, ob sich sprachliche Häufigkeiten durch Geschlechterstereotype erklären lassen oder einfach das Vorkommen in der Gesellschaft reflektieren.“ Zum Beispiel komme das Wort „Ärztin“ wesentlich seltener vor als „Arzt“. „Liegt das daran, dass es noch weniger Ärztinnen gibt, oder daran, dass sich das Stereotyp des „Herrn Doktor“ hartnäckig hält?“ Um dieser und weiteren Fragen auf den Grund zu gehen, erheben die Forscherinnen in einer großen, repräsentativen Umfrage Stereotype für hundert Personenbezeichnungen. „Die Daten erwarten wir in der zweiten Jahreshälfte. Zusätzlich verwenden wir experimentelle Paradigmen, um die Ergebnisse auch mit anderen Methoden abzusichern.“