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Drei Fragen zu Postsozialismus und Kolonialität


Text: Dr. Manuela Lenzen

Von April bis Juli arbeitet die Forschungsgruppe „Postcolonial and Postsocialist Interdependencies Across Borders“ am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld. Unter der Leitung von Anna Amelina (Chemnitz), Karolina Barglowski (Luxemburg), Helma Lutz (Frankfurt a.M.) und Andreas Vasilache (Bielefeld) bringt die Gruppe Forschende aus verschiedenen Disziplinen zusammen, um langfristige komplexe Wechselbeziehungen zwischen postsocialistischen und postkolonialen Verhältnissen zu untersuchen. Im Mittelpunkt stehen grenzüberschreitende Interaktionen und Verflechtungen innerhalb und zwischen ehemals sozialistischen Ländern und Regionen. Wir haben die Sprecherin der Gruppe, Anna Amelina, Professorin für interkulturelle Kommunikation, nach dem Projekt gefragt.

Bild einer blonden Frau mit blau-braunem Schal
Professorin Dr. Anna Amelina beschreibt im Drei-Fragen-Interview die Ziele der neuen Forschungsgruppe am ZiF der Universität Bielefeld.

Was verstehen Sie unter „Postsozialismus“?

Im weitesten Sinne bezeichnet Postsozialismus die Gesamtheit sozialer, politischer und wirtschaftlicher Bedingungen, die nach dem Zusammenbruch sozialistischer Regime entstanden sind – vor allem in Mittel- und Osteuropa, der ehemaligen Sowjetunion sowie in Teilen Zentralasiens und Afrikas – nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und der Auflösung der UdSSR 1991.
Genauer definiert die Forschungsgruppe postsocialistische Gesellschaften als solche, die durch die kollektive Erfahrung von drei großen Umbrüchen geprägt wurden: den Zusammenbruch einer zentral geplanten (Kommandowirtschaft), das Ende autoritärer Einparteienherrschaft und die Aufgabe der offiziellen marxistisch-leninistischen Ideologie.
Das vielleicht wichtigste Erbe in diesem Zusammenhang ist die Vorstellung einer sozialistischen „Zivilisierungsmission“: die Idee, dass der Sozialismus Fortschritt und Gleichheit zu „rückständigen“ Bevölkerungen bringe. Unsere Gruppe untersucht daher, wie diese missionarischen Ansprüche rund um sozialistische Modernität zur Entstehung von Hierarchien entlang von race, Geschlecht und Zugehörigkeit in ehemaligen sozialistischen Räumen beigetragen haben und weiterhin beitragen.

Wie wollen Sie die zentrale Fragestellung bearbeiten?

Die zentrale Frage des Projekts – „Kann Postsozialismus kolonial sein?“ – wird durch eine Kombination aus konzeptioneller Innovation und empirischer Untersuchung in fünf Themenfeldern bearbeitet: Staatsbürgerschaft, Gewalt, Migration und Mobilität, kollektive Erinnerungen sowie Geschlechterverhältnisse.
Diese Themen wurden nicht zufällig gewählt: Es sind genau jene Bereiche, in denen postsocialistische als „postkoloniale“ Verhältnisse empirisch besonders sichtbar werden.

Welche Rolle spielt interdisziplinäre Zusammenarbeit in diesem Projekt?

Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist hier nicht bloß eine methodische Präferenz, sondern eine erkenntnistheoretische Notwendigkeit. Die zentrale Frage des Projekts kann nicht von einer einzelnen Disziplin allein beantwortet werden, weil (quasi-)koloniale Logiken im Postsozialismus zugleich historische, politische, wirtschaftliche, räumliche, kulturelle und geschlechtsspezifische Phänomene sind.
Die Gruppe vereint Wissenschaftler*innen aus Soziologie, Politikwissenschaft und Internationalen Beziehungen, Geschichte, Geographie, Erziehungswissenschaft, Ethnologie und Gender Studies. Jede Disziplin bringt eine eigene analytische Perspektive ein: Historiker*innen verfolgen langfristige Kontinuitäten; Geograph*innen kartieren räumliche Ungleichheiten; Genderforscher*innen zeigen auf, wie koloniale Hierarchien über Körper und Sexualität reproduziert werden; Soziolog*innen untersuchen gesellschaftliche Bedingungen und Wandlungsprozesse; Politikwissenschaftler*innen und Forscher*innen der Internationalen Beziehungen richten ihren Fokus auf institutionelle sowie internationale Konstellationen und Dynamiken.
Auch die öffentliche Vermittlung ist uns ein echtes Anliegen. Wir möchten nicht, dass diese Forschung auf wissenschaftliche Fachzeitschriften beschränkt bleibt. Deshalb veranstalten wir im Juli einen öffentlichen Stakeholder-Workshop. Das Programm umfasst öffentliche Vorträge führender internationaler Expert*innen sowie zwei Podiumsdiskussionen, die den Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen fördern sollen.

Prof. Dr. Andreas Vasilache, Prof. Dr. (em) Helma Lutz und Prof. Dr. Anna Amelina sind Teil des Leitungsteams der neuen Forschungsgruppe „Postcolonial and Postsocialist Interdependencies Across Borders“.