Mehr als zehn Jahre lang beobachtete ein internationales Forschungsteam den Nordhimmel mit dem Radioteleskop LOFAR. Zu den beteiligten Einrichtungen zählen die Universitäten Hamburg, Bielefeld, Bochum und Würzburg sowie die Thüringer Landessternwarte und das Jülich Supercomputing Centre. Nun legen die Astronom*innen die Beobachtungsdaten dieser umfassenden Himmelsdurchmusterung vor und veröffentlichen die Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“. Forschende der Universität Bielefeld trugen dazu bei, die Genauigkeit der riesigen Himmelskarte abzusichern.
Radioastronomie „hört“ ins Universum – statt Licht nutzen Forschende Radiowellen, um Phänomene zu erfassen, die das menschliche Auge nicht sehen kann: etwa Magnetfelder in unserer und anderen Galaxien oder Sterne, die vor langer Zeit explodiert sind.

© LoTSS-Team
Die neue Himmelsdurchmusterung (LOFAR Two-metre Sky Survey, LoTSS) erfasst 13,7 Millionen kosmische Radioquellen – das sind zum größten Teil Galaxien, die junge Sterne enthalten, und supermassive schwarze Löcher im Zentrum von Galaxien, sogenannte aktive Galaxien. Für die Himmelskarte wertete das internationale Forschungsteam knapp 13.000 Stunden Beobachtungszeit aus. Die Kartierung ist die bislang größte Sammlung an Radioquellen, die jemals angelegt wurde, und liefert die umfassendste Bestandsaufnahme aktiver Galaxien. Die großflächige Radiokarte des Universums mit bisher unerreichter Detailtiefe ist nun öffentlich zugänglich.

© Universität Bielefeld/Sarah Jonek
Forschende der Universität Bielefeld um den Kosmologen Professor Dr. Dominik Schwarz haben untersucht, wie verlässlich die umfangreiche Himmelskarte ist. Die Forschenden analysierten systematische Abweichungen in den Daten und entwickelten Modelle, um sie rechnerisch zu berücksichtigen.
„Neben Erkenntnissen über die detaillierten physikalischen Vorgänge lernen wir aus dem neuen Himmelsatlas auch, wie sich Galaxien entwickeln und wie sie im Universum angeordnet sind“, sagt Schwarz, der im laufenden LOFAR-Großprojekt das kosmologische Team koordiniert.
Kosmologische Fragen im Fokus
Das internationale Team aus Wissenschaftler*innen im LOFAR-Projekt analysiert die neu entdeckten kosmischen Objekte, um darauf zu schließen, wie sich das Universum insgesamt entwickelt hat.
Dominik Schwarz: „Für unsere kosmologischen Analysen sind nicht einzelne der 13,7 Millionen Quellen entscheidend, sondern ihre Gesamtheit sowie ihre Verteilung und Eigenschaften. Andere Arbeitsgruppen beschäftigen sich aber auch mit einzelnen Objekten.“
„Wir konnten bereits mit den 2022 veröffentlichten Daten des zweiten LOFAR‑Datensatzes zeigen, dass sich unsere Durchmusterungen sehr gut dazu eignen, kosmologische Fragestellungen zu beantworten“, erklärt Schwarz. „Mit der nun deutlich verbesserten Statistik der dritten Veröffentlichung erwarten wir, einen Beitrag zur Beantwortung brennender kosmologischer Fragen leisten zu können – etwa zur sogenannten Hubble‑Tension und zur Aufklärung der Natur der dunklen Energie.“
Laut Dominik Schwarz unerwartet und besonders bemerkenswert: Die Durchmusterung hat auch viele Sternsysteme in der Milchstraße aufgespürt, deren Sterne Aktivität im Radiofrequenzbereich zeigen. „Das eröffnet die Möglichkeit, Magnetfelder in anderen Sonnensystemen zu untersuchen. Magnetfelder sind notwendig, um Planeten vor kosmischer Strahlung zu schützen“, so Schwarz.
LOFAR gehört zu den leistungsstärksten Radioteleskopen der Welt. Getragen wird es von einem Verbund aus elf Ländern. In Deutschland betreiben elf Universitäten und Forschungszentren im GLOW-Konsortium sechs der LOFAR-Stationen. An der Universität Bielefeld ist die LOFAR-Forschung im Fokusbereich ANBauEn angesiedelt. In dem Forschungsnetzwerk wird untersucht, wie aus grundlegenden Bausteinen komplexe Systeme entstehen und wie sich ihr Verhalten auf zentrale Prinzipien zurückführen lässt.



