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Mit kreativen Ideen notwendige Veränderung organisiert


Autor*in: Universität Bielefeld

Fragt man Menschen, die ihn kennen, dann beschreiben sie Gerhard Sagerer als kreativ, fokussiert, kommunikativ. Immer wieder heißt es auch, er sei unkonventionell und wolle gestalten. Er selbst unterstreicht zudem sein Faible für Daten als Entscheidungsgrundlage. Am 30. September geht Gerhard Sagerer nach 33 Jahren an der Universität Bielefeld, davon zuletzt 14 Jahre als deren Rektor, in den Ruhestand. Ein Blick zurück auf bewegte Zeiten an der Spitze der Universität und Impressionen von seiner Verabschiedung.

Gerhard Sagerers Verabschiedung in Bildern

„Eine immens wichtige Entwicklung für Universitäten in NRW war das sogenannte Hochschulfreiheitsgesetz, das am 1. Januar 2007 in Kraft trat“, erinnert sich Sagerer. „Als ich 2009 Rektor wurde, entfaltete dieses Gesetz gerade seine Wirkung: Wir bekamen auf einen Schlag deutlich mehr Autonomie, können daher heute ganz anders gestalten, haben mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Verantwortung.“ Vor Verantwortung hatte Sagerer nie Angst und er liebt Gestaltungsspielraum. „Ich hatte damit für meine Vorhaben den passenden Rahmen.“ Und in seinem Programm ging es viel um Veränderung und Wachstum.

Herausforderung: Steigende Studierendenzahlen

In den 14 Jahren seiner Amtszeit ist die Anzahl der Studierenden an der Universität Bielefeld um knapp 30 Prozent gestiegen. Im Bereich Lehramt beträgt die Steigerung sogar mehr als 70 Prozent. Die bundesweite Steigerung der Studierendenzahlen war politisch und gesellschaftlich gewollt, musste aber von den Universitäten organisiert werden. „Es war ein Kraftakt nötig. Dieses Wachstum war nur als Teamleistung möglich – von Rektorat, Verwaltung und Fakultäten.“ Was war passiert?

Die Universitäten bekamen ab 2007 für die Schaffung neuer Studienplätze Geld von Bund und Land, aber nur in Form von befristeten Sondermitteln. „Es wurde anfangs in Infrastruktur und Projekte investiert, zusätzliches Personal wurde zumeist nur befristet für die Laufzeit der Sonderprogramme eingestellt. Das hielt ich für falsch.“ Sagerer war überzeugt, dass die Politik den eingeschlagenen Weg nicht wieder verlassen würde. Seine These: Das zusätzliche Geld wird letztlich dauerhaft zur Verfügung stehen. Aber wie mit der nicht wegzudiskutierenden fehlenden Planungssicherheit der Fakultäten umgehen? Sagerers kreative Antwort hierauf war 2016 die Personaloffensive „UNIplus“. „Wir brauchten zusätzliches Personal, um die immens gestiegenen Studierendenzahlen meistern und gleichzeitig unseren Qualitätsanspruch in der Lehre aufrecht erhalten zu können. Mit befristeten Verträgen ist dies nicht möglich. Vor allem nicht auf der Ebene der Professuren.“ Sagerer identifizierte in jeder Fakultät Professor*innen, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen würden. Ein großer Teil dieser Professuren wurde in einer strategischen Zusammenarbeit mit den Fakultäten vorgezogen zusätzlich besetzt. Das verbesserte direkt die Betreuungssituation für die Studierenden und stärkte das Forschungsprofil. Für wenige Jahre wurde also mit den Sondermitteln fest geplant. Für die Zeit danach erhielt man sich die Flexibilität, die Stellen entweder auf das alte Niveau zurückzubauen oder weitere Professor*innen einzustellen, wenn die Mittel weiter flössen. Eine Strategie, die zur Erfolgsgeschichte wurde. „Es freut mich, dass das Vorziehen von Berufungen mittlerweile zu einer gängigen Praxis an unserer Uni geworden ist. Da hat die Leitende Direktorin für Universitätsentwicklung, Bettina Lang, in unzähligen Gesprächen Überzeugungsarbeit geleistet.“ Aus der Idee wurde also ein Standardinstrument der strategischen Organisationsentwicklung.

An dieser Stelle hat Sagerer weitere Zahlen parat, die das Wachstum der Universität dokumentieren: „In den 14 Jahren meiner Amtszeit ist die Anzahl der Professuren von 270 auf 363 gestiegen, als Rektor habe ich 273 Berufungsurkunden überreicht. Zudem hat das Finanzvolumen um 80 Prozent zugelegt.“

Berufungen als zentrales Erfolgselement

„Berufungen sind für den Erfolg einer Universität zentral – diese Personalentscheidungen haben massiven Einfluss darauf, wie sich beispielsweise Forschungsinitiativen entwickeln.“ Daher betrachtet der Informatiker Sagerer die Berufung als komplexen Prozess von der Entwicklung der Denomination, über die Ausschreibung, der Auswahl, der Berufungsverhandlung bis zum Start der*des Berufenen. Die Universität geht heute sehr viel strategischer an die Besetzung von Professuren heran. Ihnen gehen intensive Gespräche zur Entwicklung der jeweiligen Fakultät und der Forschungsschwerpunkte voraus. Die Professuren werden dann häufig für unterschiedliche Niveaus (W1, W2 oder W3) ausgeschrieben, um die Anzahl der Bewerber*innen zu erhöhen. Begleitend erfolgt eine Markterkundung und mögliche Kandidat*innen werden systematisch angesprochen. Immer auch mit dem Fokus, mehr Professor*innen zu gewinnen. Ein wichtiges Anliegen von Sagerer. Die Verfahren werden von den Prorektor*innen begleitet, um eine enge Abstimmung mit dem Rektorat sicherzustellen. Und wenn die Berufung erfolgt ist, und die Person an der Universität beginnt, dann gibt es heute mit „Gut ankommen“ ein attraktives und von allen Neuberufenen genutztes Inplacement-Programm. „Mit diesen Maßnahmen möchten wir sicherstellen, dass die Fakultäten die richtigen Kandidat*innen tatsächlich mit den Ausschreibungen erreichen, sie gewinnen und auch langfristig binden können.“

Mehr Chancen für den Mittelbau

Sagerer hat aber nicht nur Professuren im Blick, sondern er hat in der aktuellen Wahlperiode ganz explizit den akademischen Mittelbau in den Fokus genommen – gemeinsam mit der Prorektorin Marie Kaiser. Die Arbeitsbedingungen des sogenannten „Mittelbaus“ in Deutschland werden seit längerem diskutiert, seit 2021 und der Kampagne #IchBinHanna ist das Thema auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Für Sagerer sind die Beschäftigungsverhältnisse im Mittelbau schon länger ein Reformthema. „Wir können uns aber nicht hinter dem Gesetzgeber verstecken, sondern müssen als Universitäten auch selbst Verantwortung übernehmen.“ Die Universität Bielefeld will mit dem Karriereweg „Academic Tenure“ Dauerstellen im akademischen Mittelbau als attraktive Option für Wissenschaftler*innen etablieren. Das entsprechende Konzept wurde nach intensiver Diskussion mit den Fakultäten und Gremien verabschiedet. Noch ist die Zahl der „Academic-Tenure“-Stellen gering, aber Sagerer ist sich sicher: „Diese Stellenkategorie schafft Möglichkeiten, die die Fakultäten nutzen werden.“

Medizinische Fakultät

Gruppenbild von Isabel Pfeiffer-Poensgen, Dr. Stephan Becker, Karl-Josef Laumann, Prof. Dr.-Ing. Gerhard Sagerer, Dr. Eckart von Hirschhausen, André Kuper (Präsident des Landtags NRW) und Prof’in Dr. Claudia
Festakt zur Eröffnung der Medizinischen Fakultät OWL: Isabel Pfeiffer-Poensgen, Dr. Stephan Becker, Karl-Josef Laumann, Prof. Dr.-Ing. Gerhard Sagerer, Dr. Eckart von Hirschhausen, André Kuper (Präsident des Landtags NRW) und Prof’in Dr. Claudia Hornberg (v.l.)

Die Neugründung der Medizinische Fakultät OWL ist vermutlich das prominenteste Projekt, das mit der Amtszeit von Sagerer verbunden wird. Nach dem ersten gescheiterten Anlauf 2010, als die CDU-geführte Landesregierung abgewählt wurde, die Nachfolgeregierung das Thema nicht weiterverfolgte, verlor Sagerer nicht die Überzeugung, dass die Idee richtig und für die Region notwendig sei. Und eine neue Fakultät auch ein Gewinn für die Universität wäre. „Ich war immer sicher, dass die Fakultät wieder auf die politische Agenda kommen würde“. Auch in diesem Fall konnte er sich auf seine Intuition verlassen: Als die Fakultätsgründung 2017 nach der Landtagswahl und einem neuerlichen Regierungswechsel wieder ein Thema wurde, war er vorbereitet, nutze Stellschrauben und seine politischen Kontakte. Er konnte mit konkreten Vorstellungen in die Verhandlungen mit der Landesregierung gehen. Seine geradlinige Art wurde von dieser geschätzt und so manche schwierige Situation konnte konstruktiv gelöst werden. „Mein zentrales Ziel: Die neue Fakultät darf nicht zu Lasten der anderen Fakultäten gehen. Medizin soll und kann es nur mit zusätzlichem Geld geben. Sie muss ausreichend vom Land finanziert werden.“ Das ist ihm gelungen.

Sagerer ist sich der Bedeutung der Fakultätsgründung und seiner Rolle dabei sehr bewusst. Er ist stolz und überzeugt, dass die Medizinische Fakultät OWL gut konstruiert und geplant ist. Der Aufbau funktioniere, der Gewinn – auch für die Universität – werde bereits sichtbar. Und dies sei, so Sagerer, nicht allein sein Verdienst, sondern der des Aufbauteams rund um die Dekanin Claudia Hornberg.

Mindestens genauso gerne spricht er jedoch über andere Projekte und Vorhaben, die nicht so sichtbar sind, aber weitreichende Effekte für die Entwicklung der Universität und der Region haben. „Neben der Medizin ist fast ein wenig untergegangen, dass wir die Reform der bundesweiten Ausbildung von Psychotherapeut*innen zum Anlass genommen haben, auch hier die Zahl der Studienplätze massiv zu steigern – auch hier wird der Klebeeffekt dafür sorgen, dass die therapeutische Versorgungssituation für Bielefeld und OWL sich verbessert.“ Die Universität Bielefeld wird damit zu einem der größten Standorte in Deutschland. Um dies zu organisieren, waren wieder kreative Lösungen nötig: Die Universität zieht dafür beispielsweise mit ihren psychotherapeutischen Ambulanzen in das sanierte Telekom-Hochhaus (H1) in der Innenstadt: 2000 qm über sechs Etagen.

Mit Budgets Dynamik in Fakultäten auslösen

„Die Einführung des Mittelverteilungsmodells war eines der schwierigsten Vorhaben meiner gesamten Amtszeit, mit vielen kritischen Diskussionen, einer Menge Emotionen und durchaus großen Risiken.“ Sagerer ist überzeugt, dass, wenn man größere Veränderung in den Fakultäten befördern will, man dies am besten mit finanziellen Anreizen und leistungsbezogener Mittelvergabe realisieren kann. „Ich war sicher, dass wir etwas ändern mussten – der Trend war gegen die Universität Bielefeld, wir waren im Wettbewerb der Universitäten nicht mehr im gewohnten Maße erfolgreich und in den Fakultäten fehlte es aus meiner Sicht an Zukunftsstrategien.“ Gleichzeitig brauchen Fakultäten aber auch Planungssicherheit bei den Budgets. In diesem Spannungsverhältnis diskutierte er gemeinsam mit dem verantwortlichen Prorektor Reinhold Decker sowie dem Kanzler Stephan Becker 2015 über Monate mit den Gremien. Es wurde gerungen – um Ziele, Prinzipien, Prozente. Und während die kontroversen Diskussionen zwischen Rektorat, Fakultäten, Senat und Hochschulrat noch im vollen Gange waren, stand Sagerers Wiederwahl an. Das Mittelverteilungsmodell wurde zu einem zentralen Thema der Wahl. „Am Ende haben wir beim Mittelverteilungsmodell einen guten Kompromiss gefunden und meine Wiederwahl hat auch geklappt“, resümiert Sagerer mit einem Lächeln. „In der Rückschau kann ich sagen: Der Weg war richtig. Wir haben heute sehr viel mehr Transparenz in der Mittelvergabe, die Anreizsysteme funktionieren und die Fakultäten haben ausreichend Sicherheit und beschäftigen sich nun auch regelmäßig mit ihrer strategischen Ausrichtung.“

Studierenden zuhören

Eine schmerzhafte Erfahrung für Sagerer in seiner Zeit als Prorektor für Studium und Lehre (2001 bis 2007) waren die Konflikte mit den Studierenden bei der Einführung der Studienbeiträge 2006. Als eine Konsequenz war anschließend das Verhältnis der Studierenden zum Rektorat gestört. Das wollte er als Rektor ändern. Dabei waren die Vorzeichen nicht die besten: Bereits seine Amtseinführung wurde durch Proteste von Studierenden behindert und musste sogar abgebrochen werden. Dabei demonstrierten diese nicht gegen Sagerer, sondern wollten im Rahmen eines bundesweiten Bildungsstreiks auf die aus ihrer Sicht problematische Entwicklung im Bildungssystem aufmerksam machen. Aber Sagerer zog aus dieser Erfahrung Konsequenzen: „Wir brauchen zu unseren Studierenden ein gutes Verhältnis, müssen wissen, was sie umtreibt, wo es Probleme gibt. Nur so können wir gute Studienbedingungen und ein funktionierendes Miteinander dauerhaft sicherstellen“, so Sagerer. „Ich nehme die Meinung der Studierenden sehr ernst und habe daher auf regelmäßige, offene Kommunikationsformate gesetzt.“ Es wurden Treffen mit den Fachschaften etabliert, es gibt heute Turnusgespräche mit dem AStA und den Studierenden im Senat. Seine Tür stand jederzeit offen für Vertreter*innen der Studierenden. Und auch wenn es kritische Themen gibt, sucht er das direkte Gespräch. Zuletzt mit Studierenden, die einen Hörsaal besetzten, um auf Forderungen zur Nachhaltigkeit aufmerksam zu machen. Probleme werden heute in einer positiven und kooperativen Stimmung besprochen. Diese Wertschätzung und die Einsicht, dass die Universität den Studierenden das „Erlebnis Studium“ emotional näherbringen muss, fand seinen Ausdruck auch in solchen Veranstaltungsformaten wie dem Tag für Absolvent*innen oder dem Campus Festival. Für beide setzte sich Sagerer persönlich ein, stellte sich auch gegen kritische Stimmen, die solche Events nicht als eine Aufgabe der Universität sahen. „Ein Studium ist mehr als Lehrveranstaltungen und Prüfungen – für Studierende bedeutet diese Zeit einen wichtigen Lebensabschnitt.“ Und gleichzeitig machten solche Veranstaltungen den Studienort und die Universität auch attraktiver.

Das Miteinander als Herzensangelegenheit

Interessant: In der Aufzählung seiner Bilanz, hebt Sagerer das Jahr 2019 besonders hervor, das Jahr des 50. Jubiläums. „Die Erarbeitung von „Unser Anspruch“, die Konzeption und Umsetzung des Jubiläumsprogramms und auch das neue Corporate Design der Universität waren wichtige Kommunikationsanlässe, um nach Innen das Profil der Universität zu diskutieren und gleichzeitig die Außendarstellung zu schärfen.“

Das Miteinander, das ihm insbesondere im Jubiläumsjahr so gut gefallen hat, ist Sagerer ein zentrales Anliegen. Er braucht das Gefühl, dass sich die Menschen in der Universität wohlfühlen, sich mit ihr identifizieren. Dieses Bedürfnis findet seinen Ausdruck auch in seinen häufigen Spaziergängen durch die Uni-Halle und über den Campus. Hier bieten sich Gelegenheiten mit den Beschäftigten und den Studierenden ins Gespräch zu kommen. Er hört dann zu, fragt nach. „Als Rektor läuft man Gefahr, den Kontakt zu den Menschen in der Uni zu verlieren“, erklärt er. „Dies wollte ich um jeden Preis vermeiden.“ Und wie wichtig ihm auch das Miteinander von Wissenschaftler*innen und den Beschäftigten in Technik und Verwaltung ist, konnte man beim Beschäftigtenfest am 25. August noch einmal erleben, als er einen Wunsch formulierte: Die Gruppen sollten sich respektieren und die Arbeit der anderen wertzuschätzen.

Für Stadt und Region

Sagerer ist auch ein Netzwerker. Und damit passt er sehr gut in eine Region, die ihre besondere Stärke auch aus vielfältigen Netzwerken zieht. Diese Grundhaltung kam Sagerer zugute und er nutzte sie. So gründeten auf seine Initiative die staatlichen Universitäten und Hochschulen in Ostwestfalen-Lippe zusammen den Verein Campus OWL. Ursprünglich als Kommunikationsforum gedacht, ist der Verein mittlerweile auch eine Plattform für gemeinsame Projekte im Bereich Forschung, Lehre und Studium. Sagerer nahm auch die Wirtschaft in OWL in den Blick, suchte Kontakte und Austausch. Er sah beispielsweise die Chancen des Spitzencluster it’s OWL und positionierte die Universität damit auch bei Unternehmen, zu denen es bislang keine Berührungspunkte gab. Zudem trieb er gemeinsam mit Kanzler Stephan Becker und Prorektor Reinhold Decker die Gründung des Bielefelder Research and Innovation Campus (BRIC) voran, einer gemeinsamen GmbH von Universität und Hochschule Bielefeld, der Stadt und der IHK Ostwestfalen, deren Ziel die Kooperation von Wissenschaft und Praxis ist. Daneben wurde die Zusammenarbeit mit Bielefeld Marketing intensiviert. Die Universität ist aktiver Teilnehmer am Unterstützerprogramm „Bielefeld Partner“ und engagiert sich beim Aufbau der Wissenswerkstadt. Auch den intensiven Austausch mit politischen Entscheider*innen hat Sagerer immer wieder gesucht. Dabei profitierte er sicher auch von seiner Tätigkeit und den damit verbundenen Kontakten als Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz. Er ist als kompetenter und verlässlicher Ansprechpartner im politischen Raum geschätzt.

Und was ist mit außeruniversitärer Forschung in Bielefeld? Wie sind die Aussichten für ein entsprechendes Institut? Hier kann Sagerer ebenfalls von Fortschritten berichten: „Wir sind durch kleine Schritte gut vorangekommen, haben beispielsweise seit dem 1. August einen Institutsbereich des Forschungszentrums Jülich aus der Helmholtz-Gemeinschaft hier auf dem Campus, mit mehr als 20 Personen.“ Auch eine gemeinsame Professur mit dem Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo ist besetzt, es gibt sehr enge Kooperationen mit Helmholtz München sowie dem Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften in Leipzig. Was die Leibniz-Gemeinschaft angeht, so betreibt die Universität Bielefeld gemeinsamen mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hier vor Ort einen Leibniz-WissenschaftsCampus und es besteht eine gemeinsame Professur mit dem Leibniz-Institut für analytische Wissenschaften ISAS. Darüber hinaus fördert der Bund die aktuell im Aufbau befindliche Konfliktakademie.

Exzellenzinitiative und Corona

Gerhard Sagerer ist ein erfolgreicher Forscher. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem die kognitive und soziale Robotik, die Mensch-Roboter-Interaktion sowie die Architektur intelligenter Systeme. Er war stellvertretender Sprecher des Exzellenzcluster Cognitive Interaction Technology (CITEC). Sein Anspruch: Spitzenforschung. Aus diesem Grunde wiegt ein Detail seines Fazits besonders schwer: „Dass wir es nach den Erfolgen in den ersten beiden Runden der Exzellenzinitiative und dem Auslaufen der CITEC-Förderung nicht geschafft haben, ein Anschluss-Cluster einzuwerben, war eine bittere Niederlage,“ gibt Sagerer offen zu. Das Rektorat habe daraus aber viel gelernt und Konsequenzen gezogen. „Auf Grundlage einer sehr intensiven und objektiven Analyse haben wir an wichtigen Stellschrauben gedreht und damit hoffentlich auch die Voraussetzungen für einen Erfolg in der aktuellen Runde geschaffen, “ so Sagerer. Als weitere dunkle Stunde seiner Amtszeit sieht er die Coronazeit. „Es hat mich sehr tief getroffen, als unsere Uni monatelang faktisch leer war.“ Allerdings ist es auch typisch für den scheidenden Rektor, dass er selbst in dieser Situation Positives sieht: Das Engagement aller Beschäftigten, die Bereitschaft die Situation anzunehmen und flexibel Lösungen zu finden – das habe ihn sehr beeindruckt. „Es wurde in dieser Krise sehr deutlich, was für eine hohe Identifikation die Kolleg*innen mit ihrer Uni haben. Sie haben Verantwortung – insbesondere für unsere Studierenden – übernommen. Die Studierenden mussten eine schwierige Zeit überstehen, haben die notwendigen Maßnahmen aber positiv aufgenommen. Das hat mich stolz gemacht.“

Dieser Stolz und eine große Zufriedenheit mit seinem Beitrag zur Entwicklung der Universität Bielefeld sind Gerhard Sagerer anzumerken. Dabei betont er immer wieder, wie abhängig man als Rektor von motivierten Mitstreiter*innen im Rektorat, in den Fakultäten und in der Verwaltung sei. „Ohne Unterstützung von vielen Kolleg*innen – häufig über das erwartbare Maß hinaus – wäre diese Bilanz so nicht möglich.“

Und noch ein Punkt ist ihm zentral für sein Verständnis vom Amt des Rektors: „Als Universität übernimmt man Verantwortung für gesellschaftliche Entwicklungen – das war für mich immer leitend, beispielsweise beim Aufbau der Medizinischen Fakultät, dem Ausbau von Lehramt und Psychotherapie sowie der Intensivierung der Beziehungen zu Unternehmen.“

Im Gespräch ist nicht die Zeit, alle wichtigen Vorhaben und Entwicklungen zu beleuchten. Die Bilanz einer 14-jährigen Amtszeit kann nicht vollumfänglich gelingen. Aber ein Detail ist ihm am Ende des Gesprächs doch noch sehr wichtig: „Ich brauche ein funktionierendes und harmonisches Umfeld, um gut arbeiten zu können – vom Sekretariat bis zum Rektorat. In den 14 Jahren hatten wir hier eine hohe Kontinuität auf vielen Positionen, auch bei den Prorektorinnen und Prorektoren. Ich bin all den Kolleginnen und Kollegen sehr dankbar, dass sie es so lange mit mir ausgehalten haben.“

Kanzler Dr. Stephan Becker überreicht Rektor Prof. Dr.-Ing. Gerhard Sagerer seine Ruhestandsurkunde.
Kanzler Dr. Stephan Becker (r.) überreicht Rektor Prof. Dr.-Ing. Gerhard Sagerer (l.) seine Ruhestandsurkunde.

Am 30. September geht Gerhard Sagerer als Rektor in den Ruhestand und übergibt sein Amt an seine aktuelle Stellvertreterin Angelika Epple. Tipps will er seiner Nachfolgerin nicht mit auf den Weg geben. Nur so viel: „Ich wünsche ihr viel Erfolg, den dazu erforderlichen Mut, die Zeit für unerlässliche Gespräche und das notwendige Quäntchen Glück. Es gibt immer viel zu tun an dieser fantastischen Universität.“

Gerhard Sagerer (geb. 1956 in Ludwigshafen am Rhein) ist seit 1990 Professor für Angewandte Informatik an der Technischen Fakultät der Universität Bielefeld. Zuvor studierte er Informatik an der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er auch 1985 promovierte und sich 1990 habilitierte.

Gerhard Sagerers Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. die kognitive und soziale Robotik, die Mensch-Roboter-Interaktion, Sprach- und Dialogsysteme sowie die Architektur intelligenter Systeme.

In der akademischen Selbstverwaltung der Universität Bielefeld ist Gerhard Sagerer seit 1993 aktiv. Von 1993 bis 1995 und von 1997 bis 2001 war er Dekan der Technischen Fakultät. Von 2001 bis 2007 war er Prorektor für Studium und Lehre.

Seit 2009 ist Gerhard Sagerer Rektor der Universität Bielefeld (wiedergewählt 2015 und 2019).

Von Oktober 2015 bis September 2018 war er darüber hinaus Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz der Universitäten in NRW (LRK).

Am 30. September 2023 geht Gerhard Sagerer in den Ruhestand. Eine feierliche Verabschiedung mit Kolleg*innen und Weggefährt*innen findet bereits am 8. September statt.