„Ich verbinde mit dem Wort Diversität Zukunft“

Zeynep Demir, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft/ Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG), im Interview zur Relevanz von Diversität in der Gesellschaft, zur Rolle von Diversität in ihrer Forschung und zum Podcast „(Re)Searching Diversity“.

Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, Diversität zu fördern?

Zeynep Demir: Diversität zu fördern, bedeutet für mich die Vielfalt aller Menschen wertzuschätzen. Das heißt, alle Menschen sollen dazu befähigt werden, gesellschaftlich teilhaben und – das ist aus meiner Sicht besonders wichtig – sich zugehörig fühlen zu können. Nur wenn das gelingt, kann sich jede*r kreativ entfalten und sich innovativ in die Gesellschaft einbringen. Ich verstehe Diversität deshalb vor allem als Chance und Ressource. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus: Viele Menschen werden aufgrund bestimmter Merkmale nachteilig oder ungleich behandelt, sprich diskriminiert. Damit die Gesellschaft das Potenzial von Diversität nutzen kann, müssen wir Strategien entwickeln, um Diskriminierung und Benachteiligung aktiv zu unterbinden und Chancengerechtigkeit zu fördern – in allen gesellschaftlichen Bereichen. Das fängt mit der Sprache an. Ich finde es wichtig, dass Menschen fähig sind, Begriffe, die sie im Alltag nutzen, zu hinterfragen. Wenn nötig, sollten sie problematische Alltagsbegriffe durch wertfreiere ersetzen. Wenn Vielfalt als Potenzial und nicht als Defizit anerkannt wird, investieren wir in die Gesellschaft – und damit auch in unsere Zukunft. Daher verbinde ich mit dem Wort Diversität auch Zukunft.

Zeynep Demir spricht im Podcast „(Re)Searching Diversity” mit nationalen und internationalen Gastforscher*innen zum Thema Diversität. Foto: Firdevs Demir

Welche Rolle spielt Diversität in Ihrer Forschung?

Zeynep Demir: Ich forsche zu migrationsbedingter, also ethnisch-kultureller, Vielfalt im Einwanderungsland Deutschland. Das ist einer von verschiedenen Aspekten, die der Begriff Diversität umfasst. Andere Aspekte sind etwa Geschlecht, Religion und Weltanschauung, Behinderung oder sexuelle Identität. In meiner Forschung achte ich auf eine intersektionale Perspektive. Das heißt, ich schaue mir die oben beschriebenen Diskriminierungsmerkmale oder -risiken nicht losgelöst voneinander an, sondern in ihrem Zusammenwirken. Wie sich Diskriminierungserfahrung und -wahrnehmung von Menschen mit Einwanderungsgeschichte auf ihr Zugehörigkeitsgefühl und ihre Gesundheit auswirkt, ist Hauptgegenstand meiner Forschung.

Sie sind eine von sechs Sozialwissenschaftlerinnen, die den Podcast „(Re)Searching Diversity“ ins Leben gerufen haben. Was war Ihre Motivation dahinter?

Zeynep Demir: Mit unserem Podcast „(Re)Searching Diversity“ wollen wir Diversität sichtbar machen und Vielfalt in der Forschung repräsentieren. Wir wollen die Sichtbarkeit von inspirierenden Sozialwissenschaftler*innen und Spitzenforschung mit Fokus auf ethnischer, kultureller und migrationsbezogener Vielfalt erhöhen. Dazu laden wir in jeder Folge nationale und internationale Gastforscher*innen ein, mit denen wir gemeinsam Diversität aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und zu einem bestimmten Thema sprechen. In der aktuellen Folge, die jetzt erschienen ist, geht es beispielweise um Identity Narratives, Mixed-methods-Research und Open Science Practices. Unser Gast dazu ist Professor Dr. Moin Syed von der University of Minnesota. Unser Podcast soll unter anderem eine unterstützende Plattform für Studierende und Akademiker*innen unterschiedlicher Herkunft sein. Wir hoffen, dass unsere Gespräche der Ausgangspunkt für strukturelle Veränderungen in Wissenschaft und Gesellschaft sein können. Mit unserem Podcast wollen wir zum Nachdenken anregen und die Bedeutung des Forschungsfeldes Vielfalt zeigen – und wie viel Spaß das Forschen daran macht.“

Zeynep Demir forscht zu Migration, Diskriminierung, Rassismus und Akkulturation, also Anpassungsprozesse von Individuen in veränderten kulturellen Kontexten. Außerdem arbeitet sie im Projekt ZuGleich mit, eine von der Stiftung Mercator geförderte Langzeitstudie am Institut für Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld (IKG), die Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit in der deutschen Gesellschaft untersucht.

Gemeinsam mit Dr. Miriam Schwarzenthal, Sharleen Pevec und Tugce Aral von der Universität Potsdam und Dr. Jana Vietze und Sabrina Alhanachi von der Universität Rotterdam produziert sie den akademischen Podcast (Re)Searching Diversity.

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