Zwei internationale Tagungen bringen im Spätsommer Sprachforschende nach Bielefeld. Beide sind eng mit dem Sonderforschungsbereich (SFB) 1646 „Sprachliche Kreativität in der Kommunikation“ verbunden. Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Katja Politt und die Phonetikerin Dr. Farhat Jabeen von der Universität Bielefeld erklären, wie unterschiedlich sprachliche Kreativität erforscht werden kann.
Frau Politt, Frau Jabeen, bei beiden Tagungen spielt sprachliche Kreativität eine wichtige Rolle. Was ist an Sprache eigentlich kreativ?
Katja Politt: Wir Menschen kategorisieren ständig Dinge, stellen Verbindungen her und bilden Analogien. Diese allgemeinen kognitiven Fähigkeiten nutzen wir auch in der Sprache. Gleichzeitig verändert sich unsere Welt ständig. Wir müssen neue Phänomene benennen und über Dinge sprechen können, für die es vielleicht noch keine sprachliche Routine gibt. Dabei werden wir kreativ und ergänzen vorhandene sprachliche Muster durch etwas Neues.
Farhat Jabeen: Kreativität findet aber nicht nur auf Seiten der Sprechenden statt. In unserem Projekt A03 des SFB 1646 beschäftigen wir uns mit der Kreativität der Zuhörenden. Menschen hören Äußerungen, bei denen etwa Wortstellung, Intonation oder Kontext nicht genau ihren Erwartungen entsprechen. Trotzdem verstehen sie häufig, was gemeint ist, und die Kommunikation funktioniert weiter. Uns interessiert, wie Zuhörende mit solchen Abweichungen umgehen und sie kreativ interpretieren.

© fotostudio 54, Hannover
Wie greifen die beiden Tagungen diese Perspektiven auf?
Politt: Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kognitive Linguistik, kurz DGKL, ist keine Tagung des SFB, sondern findet alle zwei Jahre an einem anderen Standort statt. Dieses Mal richten wir sie als Team in Bielefeld aus. Die eingereichten Vorträge werden unabhängig begutachtet. Bei den Keynotes konnten wir aber aktuelle Themen und die Forschungsschwerpunkte am Standort berücksichtigen. Deshalb spielt Kreativität dort durchaus eine wichtige Rolle. Zum Beispiel geht es bei Joana Cholin aus dem SFB um kreative Sprachproduktion und individuelle Unterschiede. Pia Bergmann beschäftigt sich mit dem Wechselspiel zwischen Routine und Kreativität beim Sprechen, Mark Turner mit kreativer Konstruktionsgrammatik. Insgesamt ist das Themenspektrum der Tagung aber deutlich breiter. Das spiegeln die Keynotes von Marieke Woensdregt, die über Theoriebildung in den Kognitionswissenschaften vorträgt, und Jenny Audring, die über die Rolle von Verbindungen zwischen sprachlichen Repräsentationen spricht, wider.
Jabeen: Bei der 40. South Asian Languages Analysis Roundtable, kurz SALA-40, haben wir das Thema „Creative Interpretation of Variability“ gewählt. Das knüpft unmittelbar an unsere Forschung im SFB an. Gleichzeitig richten wir den Blick gezielt auf südasiatische Sprachen. Zwar sind südasiatische Sprachen insgesamt noch wenig erforscht, doch gibt es einige, die bereits besser untersucht sind, beispielsweise Hindi und Bengali. Mit der Tagung möchten wir deshalb gerade auch Forschung zu solchen weniger erforschten Sprachen sichtbar machen.
Warum ist es wichtig, gerade diese Sprachen und dazu Forschenden stärker einzubeziehen?
Jabeen: Wenn wir verstehen wollen, wie Sprache grundsätzlich funktioniert, dürfen wir nicht nur gut erforschte westeuropäische Sprachen betrachten. Gleichzeitig ist uns wichtig, dass nicht nur über südasiatische Sprachen gesprochen wird, sondern auch Forschende aus der südasiatischen Community selbst sichtbar sind. Bei Konferenzen kommt es durchaus vor, dass Menschen aus der Region zu wenig vertreten sind. Deshalb haben wir bei den eingeladenen Vortragenden bewusst darauf geachtet, unterschiedliche Perspektiven aus der Community einzubeziehen. Außerdem möchten wir Forschungsbereiche stärken, die bei südasiatischen Sprachen bisher weniger vertreten sind. Dazu gehören etwa experimentelle Studien und Untersuchungen aus der Perspektive der Zuhörenden.

© Sascha Hermannski
Was bringen solche internationalen Tagungen dem SFB 1646?
Politt: Für den SFB ist die DGKL eine große Plattform, um Ergebnisse aus der laufenden Förderphase einem internationalen Fachpublikum vorzustellen. Natürlich sind die Forschenden ohnehin auf Konferenzen unterwegs und im Austausch. Aber eine solche Jahrestagung bringt viele wichtige Personen aus dem Forschungsfeld zusammen. Und Bielefeld ist in der Linguistik mit vielen Expert*innen an der Universität und im SFB sehr breit aufgestellt.
Jabeen: Für SALA-40 gilt etwas Ähnliches. Südasiatische Sprachen werden im SFB vor allem in unserem Projekt A03 untersucht. Die Tagung gibt uns deshalb die Gelegenheit, unsere Arbeit einer Fachcommunity vorzustellen, die genau zu diesen Sprachen forscht. Gleichzeitig können wir neue Verbindungen aufbauen und voneinander lernen. Das stärkt auch das sprachwissenschaftliche Profil des SFB und macht sichtbar, dass an der Universität Bielefeld zu südasiatischen Sprachen geforscht wird.
Was wünschen Sie sich, wenn die Gäste nach den Tagungen Bielefeld wieder verlassen?
Politt: Natürlich wünschen wir uns, dass sie neue Kontakte und Inspiration für ihre Forschung mitnehmen. Das klingt nach der klassischen Antwort, aber genau darin liegt tatsächlich ein großer Wert solcher Tagungen. Nicht nur die Vorträge sind wichtig, sondern auch die Gespräche danach, in den Kaffeepausen oder bei gemeinsamen Veranstaltungen. Und wir hoffen, dass die Gäste einen guten Eindruck davon mitnehmen, wie breit die Linguistik an der Universität Bielefeld und im SFB aufgestellt ist.
Jabeen: Für mich geht es ebenfalls darum, Brücken zu bauen. Wir können unsere eigene Forschung zeigen, gleichzeitig aber auch methodisch und sprachwissenschaftlich von anderen lernen. Gerade wenn wir den Blick über die Sprachen hinaus erweitern, mit denen wir selbst arbeiten, entstehen neue Perspektiven.