Die Astrophysikerin Professorin Dr. Chanda Prescod-Weinstein erforscht Dunkle Materie und die unsichtbaren Kräfte, die bestimmen, wer Wissenschaft betreiben darf. Nun hat sie als Gender-Gastprofessorin an der Universität Bielefeld gewirkt.
Chanda Prescod-Weinstein lehrt Astrophysik an der University of New Hampshire und forscht dort zu Dunkler Materie. Aktuell konzentriert sie sich dabei hauptsächlich auf ein hypothetisches Teilchen namens Axion, einem vielversprechenden Kandidaten für die Erklärung des Problems der Dunklen Materie. Außerdem beschäftigt sie sich in ihrer Forschung damit, wie ethnische Zugehörigkeit und Gender die Physik prägen.
Auf Einladung von Professorin Dr. Cora Uhlemann, Projektleiterin und Gleichstellungsbeauftrage im Sonderforschungsbereich „Stark wechselwirkende Materie unter extremen Bedingungen“ (SFB/TRR 211), war Prescod-Weinstein in diesem Semester als Gender-Gastprofessorin an der Universität Bielefeld tätig. Im Interview spricht sie über die Bedeutung von Diversität für die Wissenschaft und in welchem Bereich der europäische Feminismus Entwicklungspotenzial hat.
Physik und Gender haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Wo sehen Sie Berührungspunkte?
Wissenschaft ist eine menschliche Tätigkeit, daher prägen menschliche Verhaltensweisen unweigerlich die Art und Weise, wie Wissenschaft betrieben wird. Gender spielt immer eine Rolle, wenn Menschen zusammenkommen. Wenn Menschen aufgrund ihrer zugeschriebenen Identitäten – ethnische Herkunft, Geschlechtszugehörigkeit und so weiter – das Gefühl vermittelt wird, nicht willkommen zu sein, hat das Einfluss darauf, wer einen Beitrag leistet. Denn wer sich nicht willkommen fühlt und deshalb beschließt, die Forschung zu verlassen, nimmt das jeweilige Fachwissen mit. Und das hat letztendlich Auswirkungen auf das Wissen des gesamten Fachgebietes.

© Chanda Prescod-Weinstein
Welche Bedeutung haben Gender und Diversität für die physikalische Forschung? Oder anders gefragt: Forschen Frauen anders als Männer?
Ich glaube nicht, dass das die richtige Frage ist. Ich halte es nicht für sinnvoll, sich auf essentialistische Vorstellungen von Geschlecht zu konzentrieren. Es gibt nicht die eine Art, eine Frau, ein Mann oder eine nicht-binäre Person zu sein. Genauso wenig wie es die eine Art gibt, Schwarz oder eine Schwarze Frau zu sein. [Anm. d. Red.: Die Großschreibung von „Schwarz“ folgt einer antirassistischen Schreibkonvention, die „Schwarz“ als gesellschaftliche und politische Selbstbezeichnung versteht.] Was wir aus zahlreichen Untersuchungen zu diesem Thema wissen, ist, dass vielfältige Teams in der Regel intelligenter und effizienter arbeiten. Es kommt jedoch vor allem darauf an, dass jeder Mensch, unabhängig vom Geschlecht, die gleichen Chancen verdient. Wenn Frauen und nichtbinäre Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden, ist das eine soziale, politische und intellektuelle Ungerechtigkeit.
Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Physik gemacht?
Als Schwarze Frau habe ich all die üblichen Dinge erlebt, über die man so liest: Geschlechterdiskriminierung in Form von boshaften Bemerkungen. Menschen, die mir Unfähigkeit unterstellen. Oft spielt meine Hautfarbe dabei eine zentrale Rolle. Ich identifiziere mich als agender und erlebe in diesem Kontext natürlich auch, dass einfach nicht berücksichtigt wird, dass es Menschen wie mich gibt. Oft herrscht Unwissenheit, wie man agender und nichtbinäre Personen in Diskursen über Geschlecht und Geschlechterdiskriminierung einbeziehen soll. Persönlich bin ich in der wissenschaftlichen Welt immer wieder damit konfrontiert, dass man mich zuerst nach meinen genderbasierten Problemen fragt und meine Forschung erst danach Thema ist. So werde ich häufig eingeladen, Vorträge über die Herausforderungen zu halten, denen ich begegnet bin, wobei meine wissenschaftliche Arbeit eine eher untergeordnete Rolle spielt. Meine weißen, männlichen Kollegen hingegen werden stets in erster Linie als Wissenschaftler betrachtet.
Mit dieser Erfahrung engagieren Sie sich nun als Gender-Gastprofessorin an der Universität Bielefeld. An welchem Punkt befindet sich der Feminismus in der Physik aktuell?
Was mir insbesondere im europäischen Raum aufgefallen ist, ist eine echte Schwierigkeit, Intersektionalität anzuerkennen – also die Tatsache, dass Menschen überschneidende Identitäten haben können, die ihre Erfahrungen prägen. Programme zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen berücksichtigen beispielsweise nicht die besonderen Herausforderungen, denen Women of Color, Transfrauen oder nichtbinäre Menschen gegenüberstehen. Auch Behinderung wird oft als eigenständiges Thema behandelt. Aber einige von uns sind behinderte Women of Color! Ich denke, der europäische Feminismus muss sich weiterentwickeln, um dem Rechnung zu tragen, was Patricia Hill Collins als „Matrix der Herrschaft“ bezeichnet hat.
Welche Impulse wollten Sie an der Uni Bielefeld für Forschung und Lehre geben?
Ich wollte dazu anregen, sich umfassend Gedanken darüber zu machen, wie unser wissenschaftliches Leben durch das politische Umfeld beeinflusst wird. Kolleg*innen in Palästina und der Ukraine beispielsweise erleben die Physik derzeit auf ganz andere Weise – und das liegt nicht daran, dass sie nicht über denselben Intellekt verfügen. Es ist eine Frage der Ressourcen, eine Frage der Sicherheit. Als Jüdin, deren Familie 1936 Deutschland verlassen musste und deren Verwandte in der Ukraine diese Zeit nicht überlebten, bin ich mir sehr bewusst, wie politische Umstände das Leben von Menschen völlig verändern können. An Universitäten in Deutschland und den USA gibt es Menschen mit Fluchterfahrungen und Minderheiten, die darum kämpfen, sich in ihren jeweiligen Fachbereichen einen Platz zu schaffen. So sehr wir auch die Komplikationen vermeiden möchten, die dadurch in unsere Arbeit entstehen, müssen wir doch lernen, diesen menschlichen Aspekten der Wissenschaftsarbeit Beachtung zu schenken. Darüber hinaus hoffe ich, der Arbeitsgruppe von Professorin Cora Uhlemann einige gute Denkanstöße gegeben zu haben, wie man die Axion-Theorie für die Kosmologie angehen kann. Und vielleicht konnte ich auch ein wenig dazu ermutigen, offener über die Probleme von Rassismus, Sexismus und Transphobie in der Physik zu sprechen.
Chanda Prescod-Weinstein war vom 5. bis 14. Oktober Gender-Gastprofessorin in Bielefeld. Sie hielt einen Physik-Seminarvortrag über Axionen, einen interdisziplinären Kolloquiumsvortrag zur Dunklen Materie für die Bielefeld Graduate School for Theoretical Sciences und einen Vortrag über Feminismus in der Physik als Teil der Online-Ringvorlesung „Transcending Boundaries: The Complexities of Gender in Research“ in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich/Transregio 211. Außerdem sprach Prescod-Weinstein mit der Physik-Gleichstellungskommission, geleitet von Dr. Inga Ennen; und beriet Studentinnen der Young Women in Theoretical Sciences. Ihr Besuch fügte sich dabei in den Fokusbereich „ANBauEn: Architektur der Natur – Elementare Bausteine und Entstehung neuer Strukturen“ ein.