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Bielefelder Studie: Selbstbild in der Schule ist veränderbar


Text: Maria Berentzen

Viele Jugendliche halten sich früh für einen „Mathe-Typ“ oder „Sprach-Typ“. Das beeinflusst Motivation, Kurswahl und spätere Bildungswege. Eine Studie der Universität Bielefeld zeigt: Schon eine kurze Unterrichtseinheit kann das Selbstbild von Schüler*innen langfristig verändern.

Die wichtigsten Fakten im Überblick:

  • Die COMPASS-Intervention der Universität Bielefeld stärkte das Vertrauen von Schüler*innen in die eigenen Fähigkeiten.
  • Die positiven Effekte waren auch sechs Monate später noch messbar.
  • Die Forschenden übertragen die Intervention nun auf Grundschulen.

Viele Jugendliche halten sich in der Schule entweder für einen „Mathe-Typ“ oder einen „Sprach-Typ“. Solche Selbsteinschätzungen entstehen häufig durch Vergleiche mit Mitschüler*innen, anderen Fächern oder früheren Leistungen. Sie beeinflussen nicht nur die Motivation im Unterricht, sondern oft auch spätere Bildungs- und Berufsentscheidungen. „Viele Jugendliche ziehen bestimmte Wege für sich gar nicht erst in Betracht, weil sie glauben, dafür nicht geeignet zu sein“, sagt Professor Dr. Fabian Wolff von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld.

Im Projekt COMPASS („Comparison Processes in Students’ Academic Self-Concept Formation“, übersetzt: „Vergleichsprozesse bei der Ausbildung akademischer Selbstkonzepte“) untersucht Wolff gemeinsam mit seinem Team, wie solche Selbstbilder entstehen und wie sie sich verändern lassen. Die jetzt im Fachjournal Educational Psychology Review veröffentlichte Studie untersucht erstmals auch die langfristigen Effekte einer Intervention im Unterricht über sechs Monate.

Ein lächelnder Mann mit Brille, kurzen braunen Haaren und Dreitagebart im Portrait. Er trägt ein hellblaues Hemd. Der Hintergrund ist weiß und mit dem Logo der Universität Bielefeld gemustert.
Prof. Dr. Fabian Wolff von der Universität Bielefeld erforscht, wie Vergleiche das Selbstbild von Schüler*innen prägen.

Jugendliche ordnen sich oft über Vergleiche ein

Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass Jugendliche ihre Fähigkeiten häufig über Vergleiche einordnen: Wer sich in Sprachen stärker erlebt als in Mathe, hält sich schnell für einen „Sprach-Typ“. Schlechtere Leistungen in Mathe im Vergleich zu Deutsch können umgekehrt dazu führen, dass Schüler*innen ihre Mathe-Fähigkeiten dauerhaft unterschätzen. „Schon kleine Unterschiede in Leistungen können dazu führen, dass Jugendliche sich selbst dauerhaft bestimmten Typen zuordnen“, sagt Wolff.

Die Forschenden entwickelten deshalb eine kurze Unterrichtseinheit für die Klassen 9 bis 11. In rund 90 Minuten lernten Schüler*innen, welche Rolle Vergleiche bei der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten spielen und wie sie solche Zuschreibungen hinterfragen können. Drei Botschaften standen dabei im Mittelpunkt: Fähigkeiten in Mathe und Sprachen schließen sich nicht gegenseitig aus, Fähigkeiten können sich verändern und Lernstrategien aus einem Fach lassen sich oft auch auf andere Bereiche übertragen.

An der Langzeitstudie nahmen rund 600 Schüler*innen aus zehn Schulen teil. Besonders das mathematische Selbstbild verbesserte sich deutlich. Die positiven Effekte waren auch sechs Monate später noch messbar. Auch in Englisch zeigten sich positive Veränderungen, wenn auch weniger konsistent.

Ein lächelnder Mann mit Brille, kurzen braunen Haaren und Dreitagebart im Portrait. Er trägt ein hellblaues Hemd. Der Hintergrund ist weiß und mit dem Logo der Universität Bielefeld gemustert.
„Viele Jugendliche entwickeln bereits früh die Überzeugung, entweder mathematisch oder sprachlich besonders begabt zu sein. Unsere Studie zeigt jedoch, dass solche Selbstkonzepte keineswegs festgeschrieben, sondern veränderbar sind. Wenn Schüler*innen lernen, ihre eigenen Annahmen über Fähigkeiten kritisch zu hinterfragen, kann dies langfristig beeinflussen, welche Bildungs- und Berufswege sie sich selbst zutrauen.“
Prof. Dr. Fabian Wolff

Wer erlebt, dass sich Fähigkeiten verändern, traut sich mehr zu

Die Ergebnisse zeigen nach Einschätzung der Forschenden, dass Selbstbilder neben Leistungen und Noten auch dadurch entstehen, welche Überzeugungen Schüler*innen in Bezug auf Fähigkeiten haben. Genau hier können kurze Impulse im Unterricht ansetzen. „Wenn Jugendliche glauben, Fähigkeiten seien unveränderlich, verlieren sie nach Misserfolgen schnell die Motivation“, sagt Wolff. „Erleben sie dagegen, dass Fähigkeiten sich entwickeln können, trauen sie sich häufig mehr zu und investieren mehr Zeit, um ihre Fähigkeiten auszubauen.“

Die Forschung wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Aktuell entwickelt das Team die COMPASS-Intervention für Grundschulen weiter. Für eine neue Studie im kommenden Schuljahr suchen die Forschenden noch teilnehmende Grundschulen. Interessierte Schulen können sich direkt bei Professor Wolff melden (fabian.wolff@uni-bielefeld.de).

Das Projekt ist mit dem strategischen Fokusbereich REFLECT der Universität Bielefeld verbunden. Das Netzwerk bündelt Forschung dazu, wie kritisches Denken bei Schüler*innen gefördert werden kann.

Originalveröffentlichung

Hella Hörsch, Jennifer Schumacher, Fabian Wolff: Long-Term Effects of an Intervention Targeting Dimensional and Temporal Comparisons on Students’ Math and English Academic Self-Concepts: A Waiting-List Replication and Extension Study. Educational Psychology Review, 38:70, https://doi.org/10.1007/s10648-026-10137-4, erschienen am 9. Mai 2026.