Interview mit der Vorsitzenden des Senats, Professorin Dr. Silke Schwandt, zu den Gründen des Entziehungsverfahrens.
Frau Professorin Schwandt, warum hat sich der Senat mit der Ehrensenatorwürde von Prof. Dr. von Hentig befasst?
Als Ehrensenator*innen würdigt der Senat Menschen, die sich um unsere Universität in herausragender Weise verdient gemacht haben. Mit ihrem Wirken haben sie die Universität Bielefeld national und international sichtbar gemacht. Es handelt sich um unsere höchste Auszeichnung. Mit der Verleihung geht eine Verantwortung einher – auch für die Geehrten. Von ihnen erwartet der Senat, dass er*sie dauerhaft auf dem Fundament unserer Werte steht. Der Senat hat sich nun intensiv mit der Ehrensenatorwürde von Professor Dr. Hartmut von Hentig auseinandergesetzt, weil erhebliche Zweifel aufgekommen sind, ob er als Person und Wissenschaftler der mit der Ehrung verbundenen Verantwortung gerecht wird.

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Welche Aspekte waren für den Senat dabei ausschlaggebend?
Zentral war für uns der in Veröffentlichungen und Interviews dokumentierte Umgang von Hentigs mit den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen durch seinen Lebensgefährten Gerold Becker während dessen Zeit als Schulleiter an der Odenwald-Schule. Der Senat ist zu der Auffassung gelangt, dass von Hentig das pädokriminelle Verhalten von Gerold Becker unter dem Deckmantel einer vermeintlichen „sexuellen Emanzipation“ im Kontext der Reformpädagogik relativiert hat. Zudem hat er in seinen Publikationen aus unserer Sicht wissenschaftliches Wissen zu Traumatisierung und Machtasymmetrien nicht angemessen berücksichtigt. Dies steht im Widerspruch zu den Werten und Ansprüchen, für die die Universität Bielefeld eintritt. Der Senat hat sich in mehreren Sitzungen über einen längeren Zeitraum mit den einschlägigen Texten und Stellungnahmen befasst. Grundlage waren veröffentlichte Schriften, Interviews sowie wissenschaftliche Einordnungen. Auf dieser Basis wurde ein Verfahren zur Entziehung eingeleitet. Prof. Dr. von Hentig wurde Gelegenheit zu einer schriftlichen Stellungnahme gegeben, die er nicht wahrgenommen hat. Stattdessen hat er den Verzicht auf die Ehrung erklärt.
Warum wurde diese Causa erst jetzt zum Thema im Senat? Die Kritik an von Hentig gibt es doch schon länger.
Es ist richtig, dass die für uns relevanten Veröffentlichungen von von Hentig bereits mehr als 10 Jahre alt sind. Insofern ist die Frage berechtigt. Allerdings möchte ich nicht spekulieren, warum sich frühere Senate nicht mit von Hentig beschäftigt haben. Tatsache ist: Unsere Rektorin hat im vergangenen Jahr, als der 100. Geburtstag von von Hentig anstand, die Frage in den Raum gestellt, ob der Senat die Ehrung von von Hentig nicht prüfen sollte. Es brauchte also eine Person, die diesen Prozess anstieß. Dafür ist der Senat dankbar. Wir haben die Verantwortung übernommen und uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Auch wenn das die erste Prüfung dieser Art war, wird der Senat den Umgang mit diesen Ehrungen und seine Rolle kritisch reflektieren.