Wenn ein medizinischer Durchbruch das Leben drastisch verlängert – was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Auf den ersten Blick ist das eine Erfolgsmeldung. Doch für Versicherungen, Rentensysteme und Individuen wird eine solche Entwicklung zur Herausforderung: Was passiert, wenn wir nicht mehr zuverlässig einschätzen können, wie alt Menschen werden? Was bedeutet das für Geschäftsmodelle oder Kalkulationsgrundlagen, wenn das Unerwartete eintritt? Genau hier setzt der interdisziplinäre Fokusbereich QUAMU an.
„Langlebigkeit ist in erster Linie natürlich etwas Schönes“, erklärt Professorin Dr. Maren Schmeck, eine der Sprecher*innen des Fokusbereichs. „Aber sie ist auch mit Konsequenzen verbunden – etwa mit der finanziellen Absicherung im Alter.“ Gemeinsam mit Professor Dr. Frank Riedel leitet sie das Netzwerk, das rund 25 Forschende aus Wirtschaftswissenschaften, Mathematik, Psychologie, Sportwissenschaft, Biologie und Datenwissenschaft vereint.

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Ihr gemeinsames Ziel ist, Unsicherheit nicht nur theoretisch zu fassen, sondern messbar zu machen – und daraus Strategien für gesellschaftlich relevante Herausforderungen zu entwickeln. „Unsere Sprache ist die Mathematik, aber unser Blick geht weit darüber hinaus. Wir fragen: Was bedeutet diese Unsicherheit für die Gesellschaft?“, sagt Riedel.
QUAMU lebt vom Austausch: 14 Professor*innen, neun Postdocs und mehrere Nachwuchswissenschaftler*innen arbeiten eng zusammen – häufig über Disziplingrenzen und Länder hinweg. Die Forschung ist inklusiv, interdisziplinär und international.
Drei Beispiele: Wetter, Narrative, Fußball
Eines der Projekte untersucht, inwiefern die Unsicherheit über das Auftreten von als unwahrscheinlich angenommenen, beim Eintreffen jedoch katastrophalen Extremwetterereignissen unsere wirtschaftliche Zahlungsbereitschaft beeinflusst, Klimaschäden vorzubeugen und zu verhindern.

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Daneben zeigen auch andere Projekte, wie umfangreich QUAMU aufgestellt ist. So zum Beispiel das Projekt „Fußballfieber“, eine Kooperation zwischen Sportwissenschaft und Datenwissenschaft: Mehr als 140 Proband*innen trugen beim DFB-Pokalfinale – in das Arminia Bielefeld zum ersten Mal eingezogen war – Fitnessbänder oder -uhren, die ihre Pulsverläufe während des Spiels aufzeichneten und über eine digitale Schnittstelle von den Wissenschaftler*innen ausgewertet wurden. So wurde die körperliche Reaktion der Fans auf emotionale Unsicherheit erfasst, um kollektive Spannung messbar zu machen.
Ein anderes Projekt beschäftigt sich mit der strategischen Kommunikation von Narrativen. Darin untersuchen QUAMU-Forschende, wie Unsicherheit in gesellschaftlichen Diskursen durch Erzählungen strukturiert und verstärkt wird – und wie sich solche Narrative modellieren lassen. Auch hier ist das Ziel, durch Analyse und Quantifizierung besser mit Unsicherheiten umgehen zu können.
Forschung in Netzwerken: interdisziplinär und international
QUAMU ist nicht nur ein Beispiel für fächerübergreifende Forschung an der Universität Bielefeld, sondern auch für den Aufbau dauerhafter Kooperationen. Der Fokusbereich ist eng mit dem Institut für Mathematische Wirtschaftsforschung (IMW) verbunden und profitiert so von bestehenden Strukturen wie dem Graduiertenkolleg (GRK) 2865 „Der Umgang mit Unsicherheit in dynamischen Wirtschaftssystemen“ (CUDE), das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. „Die Universität hat mit der Einrichtung der Fokusbereiche eine Strategie eingeschlagen, die es uns ermöglicht, unsere interdisziplinäre Arbeit nachhaltig zu verankern“, betont Frank Riedel.
Die Zusammenarbeit reicht dabei weit über die Universität hinaus. Kooperationen mit Forschenden aus Princeton, Paris oder Padua gehören zum Alltag. „Unsere Artikel entstehen selten allein“, sagt Maren Schmeck. „Der Austausch ist zentral für unsere Arbeit.“
Modellieren, um zu verstehen – und zu handeln
Was QUAMU gesellschaftlich so besonders macht, ist die konsequente Verbindung von Theorie und Anwendung. Aus modelltheoretischen Betrachtungen leiten die Forschenden wichtige robuste Ansätze ab, die für Politik, Verwaltung und Wirtschaft praktisch relevant sind. Ob es um demografische Trends, klimabedingte Wirtschaftseinflüsse oder persönliche Vorsorgestrategien geht: Die Modelle des Fokusbereichs liefern belastbare Entscheidungsgrundlagen. „Unsere Aufgabe ist es, Systeme robuster zu machen“, fasst Riedel zusammen. „Dazu gehört, sich von der Illusion exakter Prognosen zu verabschieden. Stattdessen brauchen wir flexible, fehlertolerante Modelle.“