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Tablet und Buch auf einem Tisch

Auf Spurensuche in fernen Archiven


Autor*in: Lisa Janowski

Archivreisen könnten im Zeitalter der Digitalisierung als aus der Zeit gefallen wirken. Dabei gibt es noch immer immense Vorteile vor Ort zu recherchieren, statt ein digitales Abbild eines Mediums aus der Ferne zu untersuchen. Im Sonderforschungsbereich 1288 „Praktiken des Vergleichens. Die Welt ordnen und verändern“ spielen Archive und die damit verbundenen Reisen eine wichtige Rolle für die geisteswissenschaftliche Forschung und den Erkenntnisgewinn: Denn nur mit den Erfahrungen, den Medien und Fundstücken vor Ort können noch ganz andere, weitere Themenfelder erkundet werden. Die Doktorand*innen Angela Eva Gutierrez, Jacob Bohé und Mathilde Ackermann-Koenigs berichten von ihrer Forschung im Ausland und ihren Erfahrungen in den jeweiligen Archiven. Dabei geben sie einen Einblick, warum Archivreisen für sie zu einer Forschungsarbeit dazugehören, zeigen Bilder aus ihrem Arbeitsumfeld und erläutern was für sie daran so besonders war.

Recherche zu „Race“ und Rassismus in Kuba

Angela Eva Gutierrez hat auf Kuba in Zeitungen und Zeitschriften recherchiert, um für ihre Dissertation wichtige Informationen zu erhalten, die zum Teil bisher nicht digitalisiert waren.

„Mein Dissertationsthema befasst sich mit ‚Race’ und ‚Rassismus’ in Kuba – von der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1880 (offiziell 1886) bis zum Massaker von 1912. Ich konzentriere mich dabei auf die journalistische Gemeinschaft, insbesondere auf afrokubanische Journalist*innen, die durch die Produktion und Verbreitung von Berichten über aktuelle Ereignisse den Journalismus prägen und damit die Wahrnehmung und den Diskurs gestalten. Vergleiche spielen eine wichtige Rolle dabei, wie wir uns in der Welt einordnen und verorten, wer als anders identifiziert wird und wie Hierarchien konstruiert werden. Wie Journalist*innen vergleichen und was sie tun, wenn sie vergleichen und was durch diese Vergleiche entsteht, ist daher Gegenstand meiner Untersuchung. Zu meinen Forschungsfragen gehört, wie die Begriffe ‚Race’ und ‚Rassismus’ von Journalist*innen in ihren Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften verhandelt wurden: Welche Rolle spielen Vergleiche in der Debatte? Welche Arten von Vergleichspraktiken können identifiziert werden und wie verändern sie sich im Laufe der Zeit?
Deshalb war es für mich wichtig, nach Kuba zu reisen, um nach diesen Zeitungen und weiteren Informationen über den Journalismus in der frühen Republik zu suchen. Ich habe das Nationalarchiv und die Nationalbibliothek José Martí besucht, wo ich eine ganze Reihe von Zeitungen gefunden habe. Sicherlich konnte ich auch einige in digitalisierter Form finden, aber für mich war es wichtig, im Archiv vor Ort zu sein. Nicht nur um die Erfahrung zu machen, nach Dokumenten zu suchen und sich an ein ganz anderes Organisationssystem zu gewöhnen, sondern auch um die Medien vor mir zu haben. Am Ende konnte ich Zeitungen finden, die ich digital nicht hätte finden können. Im Gegensatz zu digitalen Dokumenten ist es etwas Besonderes mit den Materialien zu interagieren: Nicht nur mit dem Objekt selbst, sondern auch mit dem Schreibtisch, an dem ich saß, mit dem Geruch der alten Bücher oder dem Durchblättern des Zettelkatalogs.
Der Besuch eines Archivs ist eine Anpassungsprüfung und die Belohnung ist das Material. Wie zum Beispiel die Qualität des gealterten Papiers, der Geruch und die Lesbarkeit der Wörter. So wie ich mich beim Lesen eines Buches fühle, so ist es auch bei der Recherche unbezahlbar, etwas in der Hand zu halten und in diesem Raum zu sein. Archivbesuche geben ebenso die Möglichkeit, sich mit anderen über die Forschung auszutauschen. Dieser Austausch ist ebenfalls wichtig. Letztendlich lohnt sich der Besuch eines Archivs aus vielen persönlichen und beruflichen Gründen.“

In den Archiven von Banken und Versicherungen

Jacob Bohé konnte im Austausch mit den Archivar*innen im Archiv der Deutschen Bank Erkenntnisse gewinnen, die ihm neue und notwendigen Blickwinkel auf sein Forschungsfeld ermöglichen.

„Meine Archivreise zur Deutschen Bank im Sommer 2022 war nicht nur die erste Archivreise im Rahmen meiner Dissertation, sondern auch meine erste Archivreise überhaupt. Als Sozialwissenschaftler in einem historischen Dissertationsprojekt war dies eine neue und besondere Erfahrung. Seitdem habe ich einige Archivreisen in verschiedene private und staatliche Archive unternommen. Der Arbeitsprozess zwischen privaten und staatlichen Archiven unterscheidet sich – zumindest in meinem Fall – merklich.
Staatliche Archive, wie das Bundesarchiv in Koblenz oder das Staatsarchiv in Hamburg verfügen über öffentlich einsehbare Findbücher in ihren Onlinepräsenzen. Die Recherche konnte ich bei diesen Archiven also selbstständig durchführen und der Austausch mit den Archivar*innen blieb recht begrenzt. Dieser Rechercheprozess war bei den Archiven der Banken und Versicherungen deutlich anders. Hier existieren – zumindest in den Archiven, mit denen ich Kontakt hatte – Findbücher, die im Regelfall nicht öffentlich einsehbar sind. Das bedeutet, dass am Anfang ein enger Austausch mit den Archivar*innen notwendig ist. Im Gegensatz zu den staatlichen Archiven, wo zunächst auch auf gut Glück Akten bestellt werden können, bedarf es hier schon einer konkreten Idee, welche Akten gesucht werden. Die tatsächliche Recherchearbeit in den jeweiligen Archivbeständen übernehmen dann die Archivar*innen. Die Durchsicht der Akten erfolgte für meine Dissertation recht ähnlich. Ein Besuch der Archive war immer notwendig, da kaum Akten durch die Archive digitalisiert waren. Vor Ort mussten dann die Unterlagen gesichtet und das Notwendige selbst digitalisiert werden. Dies ist häufig auch eine monotone Arbeit, erlaubt jedoch den ersten wichtigen Blick in relevante und umliegende Unterlagen. In einigen der privaten Archive konnte ich auch auf dortige Bibliotheksbestände zurückgreifen. Der Blick in die dortigen Bestände hat sich zum einen gelohnt, um herauszufinden, welche Literatur tatsächlich verwendet wurde, aber auch um zusätzliche Literatur zu erschließen.
So bin ich auf einzelne Fachwerke gestoßen, die selbst über die bundesweite Fernleihe nur schwer oder teilweise gar nicht zu beziehen waren. Auch der Austausch mit den Archivar*innen der Banken- und Versicherungsarchive war eine meiner besten Erfahrungen an Besuchen vor Ort. In Gesprächen lässt sich häufig mehr über die Systematik der Archive erfahren und wie – in meinem Fall – Strukturen in den Banken oder Versicherungen funktioniert haben. Dies hilft zum einen Rechercheanfragen zu konkretisieren, aber auch das eigene Projekt thematisch weiterzuentwickeln. Der intensivere Austausch mit Archivar*innen war für mich immens wichtig und hat meinem Forschungsprojekt deutlich weitergeholfen. Über den Austausch mit den Archivar*innen hatte ich selbst sogar das Glück noch unverzeichnete Unterlagen zu erhalten. Diese Akten sind mitunter die wichtigsten Archivalien, die ich aktuell für mein Dissertationsprojekt habe. Zum einen sind es einschlägige Unterlagen, aber auch Unterlagen, die bisher noch nicht wissenschaftlich bearbeitet wurden. Der Besuch von Archiven hat sich für mich nicht nur gelohnt, um Akten zu sichten und zu digitalisieren, sondern gerade um durch die Gespräche mit Archivar*innen mehr über Banken- und Versicherungsarchive zu lernen, mein Forschungsthema anhand der konkreten Bestände weiterzuentwickeln und nicht zuletzt neue Archivalien zu erhalten. Meine Dissertation wäre, ohne die Unterlagen aus den Archiven, kaum zu realisieren, vor allem würden aber die notwendigen Blickwinkel der Banken und Versicherung in der Arbeit fehlen.“

Bisher ungeprüfte Archive auf Haiti

Mathilde Ackermann-Koenigs forscht zur Unabhängigkeit Haitis im 19. Jahrhundert und den damit verbundenen Folgen für die Plantagenbesitzer vor Ort. Sie stieß dabei auf Quellen, die digital noch gar nicht verzeichnet waren.

„Im Rahmen meines Promotionsprojekts befasse ich mich mit der Entschädigung ehemaliger französischer Plantagenbesitzer nach Haitis Unabhängigkeit. Am 17. April 1825 erklärte der kürzlich gekrönte König Charles X. nach fast einem Jahrzehnt der Verhandlungen die volle Unabhängigkeit für den französischen Teil von Saint-Domingue, das heutige Haiti. Diese Proklamation war der Höhepunkt eines über zwanzigjährigen Unabhängigkeitskampfes der ehemaligen Kolonie, die sich bereits 1804 unabhängig erklärt hatte. Diese Unabhängigkeit war eine direkte Konsequenz der Niederlage Frankreichs gegen die haitianischen Truppen, die die Haitianische Revolution beendeten.
Diese Unabhängigkeitskonzession war allerdings nicht bloß eine friedliche Vereinbarung. Sie hatte sowohl politische als auch wirtschaftliche Bedingungen: Haiti sollte weiterhin im französischen Einflussbereich gehalten, die Steuern auf französische Waren und Schiffe sollten ermäßigt und eine Entschädigungszahlung von 150 Millionen Goldfrancs an die vertriebenen französischen Eigentümer gezahlt werden. Diese Zahlungsverpflichtung führte zu langwierigen diplomatischen und wirtschaftlichen Verstrickungen zwischen den beiden Ländern bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Obwohl ursprünglich eine Zahlung über fünf Jahre geplant war, erstreckte sich dieser Zeitraum auf 83 Jahre – diese „Verzögerung“ hatte eine Fülle von Dokumenten verschiedener Art zur Folge. Meine bisherigen Archivreisen zielen darauf ab, die Geschichte dieser Dokumente zu erfassen. Die Archivgeschichte dieser Entschädigung ist zersplittert und komplex. Die Dokumente sind über verschiedene Institutionen verteilt. Zum Beispiel mussten die Familien der ehemaligen Kolonisten ihre Anfragen an das Archiv der Kolonien richten, heute bekannt als Nationales Übersee-Archiv. Die Zahlungen wurden von der „Caisse des Dépôts et des Consignations“ in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium durchgeführt. Hinzu kommen politische Umwälzungen im Frankreich des 19. Jahrhunderts, die sowohl zur Zerstörung von Archiven (wie während der Pariser Kommune 1871) als auch zu institutionellen Veränderungen führten.

Trotz der wachsenden Digitalisierung von Archiven in Frankreich sind die meisten Dokumente nicht digitalisiert. Dies macht physische Archivbesuche unerlässlich. Vor Ort kann nicht nur der physische Zustand der Dokumente – Papierart, Tinte, Format – beurteilt werden, der zusätzlich viel über den ursprünglichen Zweck des Dokuments aussagt, sondern es ermöglicht auch den direkten Austausch mit Archivar*innen. Während meiner letzten Reise wurde ich auf bisher ungeprüfte Archive aufmerksam gemacht, ein unschätzbarer Wert für meine Arbeit.“

Forschungsreisen in Archive sind ein wichtiger Bestandteil geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung. Der Grund: Nicht alle Quellen sind digitalisiert und sind somit (bisher) nicht von außerhalb zugänglich. Um diese Quellen zu recherchieren, einzuordnen und für die eigene Forschung nutzen zu können, müssen Wissenschaftler*innen in Archive reisen, um die Quellen selbst zu digitalisieren. Dabei kann es sich dann – je nach Thema – sowohl um nationale als auch um internationale Archive handeln. Im Gegensatz zu freien Promotionen können Forschungsreisen innerhalb von Sonderforschungsbereichen aus der Mitarbeit heraus organisiert werden, da diese im Vorfeld geplant wurden und so finanziell abgesichert sind.

Mehr zu Archivreisen in SFB 1288 auf dem SFB 1288-Blog.