Geschichte als gesellschaftliche Selbstverständigung


Autor*in: Universität Bielefeld

International renommierte Wissenschaftler*innen werden am Freitag, 27. Januar, zur dritten Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld erwartet. Die öffentliche Veranstaltung befasst sich mit dem Thema: „Die Zukunft des NS-Gedenkens: Geschichte als gesellschaftliche Selbstverständigung“.

Zu Beginn diskutiert die Geschichtswissenschaftlerin Professorin Dr. Christina Morina von der Universität Bielefeld mit der Neuzeithistorikerin Dr. Ulrike Jureit (Hamburger Institut für Sozialforschung) und dem Professor für Zeitgeschichte Dr. Bill Niven (Nottingham Trent University, Großbritannien) „Zeithistorische Perspektiven auf den Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus seit 1945“. Das anschließende Gespräch zwischen dem Soziologen Professor Dr. Natan Sznaider (Akademische Hochschule Tel Aviv, Israel) und dem Psychologen und Autoren Dr. Ahmad Mansour aus Berlin, moderiert von Anna Strommenger von der Universität Bielefeld, widmet sich „Gegenwart und Zukunft des öffentlichen Erinnerns an den Nationalsozialismus“.

Portrait-Bilder der Organisatorinnen und ihrer Gäste.
Die Organisatorinnen der dritten Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte, Professorin Christina Morina (oben links) und Anna-Maria Strommenger (unten links) freuen sich auf ihre Gäste Dr. Ahmad Mansour (oben Mitte), Professor Bill Niven (oben rechts), Dr. Ulrike Jureit (unten Mitte) und Professor Nathan Sznaider (unten rechts).

Im Januar 2023 jährt sich der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland zum 90. Mal, die Befreiung von Auschwitz zum 78. Mal. Beide Jahrestage verweisen nicht zuletzt darauf, dass Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und Holocaust nach und nach nicht mehr zu den Themen einer Zeitgeschichtsschreibung im engeren Sinne gehören werden – ein Umstand, der die gegenwärtig festzustellenden geschichtskulturellen und gedenkpolitischen Verschiebungen sowohl spiegelt als auch verschärft.

Kontrovers geführte Diskussionen

So fällt das Verschwinden der letzten Zeitzeug*innen mit kontrovers geführten Diskussionen um die Zukunft des nationalen und globalen Gedenkens zusammen. Das derzeit häufig vorgebrachte Argument, die „Erinnerungskultur“ müsse „zeitgemäßer“ ausgerichtet sein, erklärt nach Ansicht der Organisator*innen der Diskussionsveranstaltung dabei weniger als oftmals suggeriert wird. Denn wie und warum sich die Voraussetzungen und Perspektiven öffentlichen Gedenkens verändern sollen, und welche Folgen das hätte, werde kaum diskutiert. Vielmehr tendiere die Gegenwartsfokussierung dieser Forderung stark dazu, historische Ereignisse aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herauszulösen, stellen die Organisator*innen fest. Die Erforschung der Ereignisse werde nicht als Möglichkeit gesellschaftlicher Reflexion und Selbstverständigung begriffen, sondern als Gelegenheit, sie den jeweils aktuellen politischen und gesellschaftlichen Bedürfnissen anzupassen und unterzuordnen.

Kritische Rekonstruktion und Reflexion ist notwendig

„Die dritte Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte widmet sich diesem ebenso selbstverständlichen wie problematischen Spannungsverhältnis“, erläutert die Gründerin der Debattenreihe Christina Morina: „Ausgangspunkt ist die These, dass sich über Gegenwart und Zukunft des NS-Gedenkens ohne eine kritische Rekonstruktion und Reflexion seiner historischen Genese nicht sinnvoll sprechen lässt.“ Die beiden Gespräche legen daher zwei Schwerpunkte, die diese Ambivalenzen in der aktuellen Auseinandersetzung differenziert spiegeln: Sie ist einerseits auf die Geschichte und deren wissenschaftliche Erforschung bezogen, reflektiert und prägt aber andererseits aktuelle, oft hoch politische und konfliktreiche Problemlagen der gesellschaftlichen Gegenwart.

Die Veranstaltung ist öffentlich. Es wird um eine verbindliche Anmeldung bis zum 20. Januar bei nadine.engler@uni-bielefeld.de gebeten.

Bielefelder Debatten zur Zeitgeschichte

Die Bielefelder Debatten zur Zeitgeschichte knüpfen an die lebendige Diskussionskultur der Bielefelder Geschichtswissenschaft an und finden jährlich statt. Sie greifen zentrale Themen und Kontroversen in der Zeitgeschichte auf und schaffen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit Raum für offene und vielstimmige Auseinandersetzungen mit kontroversen Positionen und aktuellen Forschungsansätzen.