Geschichtsforschung in der Praxis


Autor*in: Universität Bielefeld

Im Projektseminar „Preußen und Kolonialismus“ haben Bielefelder Studierende gelernt, geschichtswissenschaftliche Forschung in die Praxis zu übersetzen. Nun präsentieren sie ihr Ergebnis: die Museumsausstellung „Schwarz weiß. Preußen und Kolonialismus“, die von November 2022 bis Juni 2023 im LWL-Preußenmuseum Minden zu sehen sein wird. Bereits am 26. Oktober findet in der Universität Bielefeld die Preview für die von Studierenden erarbeitete Ausstellung statt. Die Ausstellung selbst wird am 3. November im LWL-Preußenmuseum Minden eröffnet.

Die Preview ermöglicht vorab einen Einblick in die Ausstellung und einen Rückblick zurück auf ihre Entstehung. Die studentischen Kurator*innen zeigen ausgewählte Objekte und erste Ansichten der Ausstellungsgestaltung und –räume. Außerdem wird ein Film mit Einblicken in das Projektseminar gezeigt. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, bei einem Glas Sekt mit den studentischen Kurator*innen sowie den Projektleiterinnen ins Gespräch zu kommen.

Drei Studentin schauen in ein Buch auf einem Tisch.
Im Projektseminar „Preußen und Kolonialismus“ setzten sich die Studierenden mit Forschungsdebatten zur Kolonialgeschichte auseinander und erarbeiteten sich ein kritisches Verständnis von Kolonialgeschichte.

Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem LWL-Preußenmuseum Minden und dem Arbeitsbereich „Geschichte als Beruf“ der Abteilung Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld. In dem zweisemestrigen Projektseminar haben Studierende unter der Leitung von Dozentin Caroline Authaler, Leiterin „Geschichte als Beruf“, und Sylvia Necker, Leiterin des Preußenmuseums, und in Zusammenarbeit mit dem Museumsteam, die Ausstellung entwickelt.

Im Seminar setzten sich die Studierenden zunächst auf Basis wissenschaftlicher Texte mit Forschungsdebatten zur Kolonialgeschichte auseinander und erarbeiteten sich ein kritisches Verständnis von Kolonialgeschichte. Anschließend recherchierten sie verschiedene Themen mithilfe geschichtswissenschaftlicher Methoden und entschieden, was und wie sie vermitteln möchten. Die Studierenden lernten dabei, geschichtswissenschaftlich mit Archiven und Quellen zu arbeiten, ihre Rechercheergebnisse mithilfe einer kritischen, globalgeschichtlichen Literatur sowie gegenwärtiger gesellschaftlicher Debatten zu kontextualisieren und sogleich mithilfe musealer Formen zu vermitteln.

Student zeigt Studentin etwas auf Karteikarten an einer Tafel.
Im Projektseminar ergänzen sich der Forschungskontext der Universität und die außeruniversitäre Berufspraxis am Preußenmuseum Minden.

Caroline Authaler: „Kolonialgeschichte war nicht schwarz-weiß, auch wenn die kolonialen Akteure die Welt in solche Kategorien einteilen wollten. Menschen in und aus kolonisierten Regionen unterliefen häufig diese Kategorien und wehrten sich gegen koloniale Gewalt. Dieses koloniale Denken, das Menschen in schwarz weiß-Kategorien einteilt, ist auch heute noch verbreitet. Und nicht nur das: Unsere Archive dokumentieren vor allem eine weiße koloniale Perspektive.“ Dies stellte besondere Anforderungen kritischen Arbeitens an die Studierenden. Wie umgehen mit dem weißen kolonialen Blick, den die hiesigen Archive vor allem dokumentieren? Und wie kann damit in einer Ausstellung umgegangen werden? Diese und andere Fragen will das Ausstellungsprojekt aufwerfen. Sylvia Necker ergänzt: „Dabei geht es uns auch um die Gegenwart. Wie und wo wird an die Geschichte des Kolonialismus erinnert? Was hat Kolonialismus mit uns und unserer diversen Gesellschaft zu tun? Die Ausstellung verknüpft die Vergangenheit mit der Gegenwart, die Studierenden mit dem Museum und die Besuchenden mit den Ausstellungsmacher*innen. Und letztlich ruft die Ausstellung dazu auf, sich der Vielschichtigkeit des Themas zu stellen: Mit allen Graustufen, die sich zwischen schwarz und weiß finden.“

Gruppenbild der Seminar-Teilnehmer*innen des Projektseminars "Preußen und Kolonialismus"
Die Seminar-Teilnehmer*innen des Projektseminars „Preußen und Kolonialismus“ mit der Dozentin Caroline Authaler (r.) und der Leiterin des Preußenmuseums Sylvia Necker (l.).

Projektseminare sind eine besondere Seminarform, in der Lehrende aus der Geschichtswissenschaft im Tandem mit Kolleg*innen aus der Praxis unterrichten. Im Seminar ergänzen sich beide Perspektiven: der Forschungskontext der Universität und die außeruniversitäre Berufspraxis. Für die Studierenden bietet diese Seminarform einen tiefen Einblick in die Berufspraxis. Caroline Authaler dazu: „Die für die meisten Studierenden neue Art des Arbeitens bestand darin, die recherchierten Themen in ein Raumkonzept zu überführen, Exponate auszuwählen und Texte zu verfassen, die für ein nichtfachliches Publikum verständlich sind und dabei die Komplexitäten und Widersprüche nicht einzuebnen.“ Die Seminarleiterin wird währenddessen auch zur Projektmanagerin, die Museumsleiterin lässt sich darauf ein, viel Kontrolle an ein studentisches Seminar abzugeben.

Die Preview-Veranstaltung findet am 26. Oktober in der Universität Bielefeld, Raum X-E0-002, ab 18 Uhr statt. Nach der Vernissage am 3. November wird die Ausstellung „Schwarz weiß. Preußen und Kolonialismus“ vom 4. November 2022 bis zum 4. Juni 2023wi im LWL-Preußenmuseum zu sehen sein. Sie spannt einen großen zeitlichen Bogen und erzählt von kolonialpolitischen Versuchen Preußens im 17. Jahrhundert, von den Folgen der Berliner Afrika-Konferenz 1884 bis zu den Kolonialkriegen und ihrer Erinnerung im 20. Jahrhundert. Ziel ist es, historische und gegenwärtige Bezüge in die Region in Form von Ereignissen, Objekten und Lebenswegen anschaulich zu machen und zu verdeutlichen, wie die globalen Verflechtungen auch hier vor Ort den Alltag prägten.

Weitere Informationen zu dem Projektseminar „Preußen und Kolonialismus“ finden sich hier sowie auf dem YouTube-Kanal der Geschichtswissenschaft.