„Kurzzeitig macht Zeitdruck uns zu Zombies“

Menschen fällen täglich Entscheidungen. Dabei kontrollieren sie ihren Impuls, automatisch auf Reize zu reagieren. Stattdessen werden Handlungen bewusst abgewogen und ausgeübt – innerhalb von Millisekunden. Doch was passiert, wenn Menschen unter Zeitdruck entscheiden müssen? Mit dieser Frage hat sich ein Psychologe am Institut CITEC der Universität Bielefeld beschäftigt. In einer Studie fand er heraus, dass dieses Abwägen unter Zeitdruck für einen bestimmten Zeitraum nicht greift. Drei Fragen an Dr. Christian Poth.


Für Ihre Studie haben Sie die Versuchspersonen unter Zeitdruck gesetzt. Was konnten Sie damit nachweisen?

Zeitdruck beim Handeln wirkt auf Versuchspersonen wie ein eigener Modus: Für einen bestimmten Zeitraum verlieren sie die Kontrolle über die Handlungen, die sie für ihre momentane Tätigkeit bereits kognitiv vorbereitet haben. Menschen in diesem Modus handeln nicht zwangsläufig entsprechend ihrer Absicht, sondern lassen sich von Reizen in der Umwelt von ihrem ursprünglichen Vorhaben abbringen. Das führt dazu, dass sie innerhalb ihrer Tätigkeit die falsche Handlung ausüben. Entfällt der Zeitdruck, ist auch die Kontrolle über die beabsichtigten Handlungen wieder da.

Bild der Person: Dr. Christian Poth, Center for Cognitive Interaction Technology CITEC, Forschungsgruppe Neurokognitive Psychologie
Dr. Christian Poth zeigt in seinen Studien, unter welchen Bedingungen Menschen gegen ihre Absicht handeln.

Unter welchen Bedingungen konnten Sie den Kontrollverlust nachweisen?

Im Labor wurde den Versuchspersonen auf einem Bildschirm in vielen Durchgängen ein Pfeil präsentiert, der entweder auf der rechten oder der linken Seite des Bildschirms angezeigt wurde. Sie hatten eine linke und eine rechte Taste, die sie drücken konnten. Ihre Aufgabe war es, die zur Pfeilrichtung passende Taste zu drücken – unabhängig davon, auf welcher Seite des Bildschirms der Pfeil erschien. Die Versuchsperson musste unter Zeitdruck antworten, da es für die Antwort eine Zeitvorgabe gab. War die vorgegebene Zeit kurz und der Zeitdruck damit hoch, reagierten Versuchspersonen überwiegend darauf, auf welcher Seite der Pfeil angezeigt wurde. Die Pfeilrichtung wurde deutlich weniger berücksichtigt, obwohl die Versuchspersonen die Absicht verfolgten, die Taste gemäß der Pfeilrichtung zu drücken. Unter Zeitdruck wiegt der räumliche Reiz also mehr als der eigene Vorsatz.

Welche Rolle spielt der Zeitdruck in dem Experiment und was bedeutet das im Alltag?

Erst der Zeitdruck versetzt die Versuchspersonen in diesen besonderen Zustand, er ist der entscheidende Faktor. Durch ihn wird ihre Bereitschaft zur automatischen Handlung kurzzeitig deutlich erhöht, intentionale Handlungen nehmen hingegen ab. Im Experiment ging es um Millisekunden – für Prozesse im Gehirn ist das allerdings ein sehr langer Zeitraum. Das ist ein massiver Einfluss, den ein vorübergehender Zeitdruck haben kann. Kurzzeitig macht Zeitdruck uns zu Zombies. Für den Alltag sind die Ergebnisse für Situationen relevant, in denen unter hohem Zeitdruck entschieden werden muss. Das ist etwa im Sport der Fall, wenn eine Torwärtin beim Elfmeter die beiden Sprungrichtungen, rechts und links, mental vorbereitet. In der knappen Zeit, während die gegnerische Spielerin anläuft, muss die Torwärtin entscheiden, in welche Richtung sie springt. Innerhalb dieser Zeit scheint es ein Zeitfenster zu geben, in dem sie überwiegend auffällige Reize für ihre Entscheidung nutzt – zum Beispiel eine Bewegung der Spielerin in eine der beiden Richtungen oder auch eine plötzliche Bewegung rechts oder links im Hintergrund, die unabhängig von der Spielerin erfolgt.

Dr. Christian Poth (35) ist seit 2019 akademischer Rat in der Arbeitsgruppe Neurokognitive Psychologie an der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft und gehört dem Forschungszentrum CITEC der Universität Bielefeld an. Seit drei Jahren befasst sich der Psychologe mit dem Zusammenspiel von Bereitschaftszuständen, Wahrnehmung und Handlung.

Die Studie ist im Fachmagazin eLife erschienen.