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Demokratiepädagogik in Zeiten des Populismus


Autor*in: Jörg Heeren

Wie lernen Kinder in ihrer Schule mitzubestimmen und mit der Vielfalt von Meinungen, Fähigkeiten und kulturellen Unterschieden umzugehen? Das ist eine der Fragen, mit denen sich das neue Projekt LabSchoolsEurope beschäftigt. Koordiniert wird es von der Universität Bielefeld, die es gemeinsam mit der Laborschule Bielefeld initiiert hat.

In dem Projekt entwickeln Forschende und Lehrkräfte demokratiepädagogische Innovationen für den Umgang mit Heterogenität in der Primarstufe. Dafür arbeiten Universitäten und Schulen an fünf Standorten zusammen – in Deutschland, Österreich, Frankreich, Tschechien und England. Das Projekt wird durch Erasmus+ gefördert, dem Programm für Bildung, Jugend und Sport der Europäischen Union.

Prof.’in Dr. Annette Textor, Dr. Christian Timo Zenke und Nicole Freke (v.l.) entwickeln im Projekt LabSchoolsEurope Methoden, mit denen Schülerinnen und Schüler demokratische Fähigkeiten erlernen. Foto: Universität Bielefeld

In Schulen demokratisches Verhalten einüben

„Gerade in der heutigen Zeit, die durch populistische Haltungen geprägt ist und in der demokratische Werte zunehmend infrage gestellt werden, müssen wir bereits in der Schule darüber nachdenken, wie unsere Gesellschaft mit Heterogenität umgeht und umgehen sollte“, sagt Professorin Dr. Annette Textor von der Fakultät für Erziehungswissenschaft. Sie leitet die Wissenschaftliche Einrichtung Laborschule, die „Forschungsabteilung“ an der Laborschule Bielefeld. „Schulen bieten das ideale Umfeld, um demokratisches Verhalten einzuüben und so Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und anderen menschenfeindlichen Einstellungen vorzubeugen.“

Seit 1974 werden an der Laborschule als staatlicher Versuchsschule neue Lehr- und Lernmethoden erprobt. „Die Laborschule soll die Gesellschaft im Kleinen abbilden. Dazu gehört, dass Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler ihre Angelegenheiten anhand demokratischer Leitlinien regeln“, sagt Dr. Christian Timo Zenke von der Wissenschaftlichen Einrichtung Laborschule. Er leitet das Projekt LabSchoolsEurope. Das Prinzip der Demokratieorientierung gilt laut Zenke für alle „Laboratory Schools“, also Schulen, die – in der Tradition des amerikanischen Pädagogen und Philosophen John Dewey – ihre Bildungsprozesse kontinuierlich gemeinsam mit Universitäten erforschen. Daher arbeiten auch die Projektpartner in ihren Praxisforschungsprojekten an demokratiepädagogischen Innovationen.

Am heutigen Donnerstag und morgigen Freitag (28./29.11.2019) kommen die Partner zur Auftakttagung von LabSchoolsEurope in der Laborschule in Bielefeld zusammen – und damit an der gemeinsam mit dem benachbarten Oberstufen-Kolleg ältesten „Laboratory School“ Europas.

Auftrieb für universitär verbundene Schulen

„Unsere Schule war lange Zeit eine von wenigen Laboratory Schools in Europa. Jetzt bekommen universitär verbundene Schulen Auftrieb. In den vergangenen Jahren gab es viele Neugründungen“, sagt Nicole Freke, Primarstufenleiterin der Laborschule Bielefeld. Sie leitete fünf Jahre lang ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt zu demokratischen Prozessen und zur Partizipation in der Primarstufe der Laborschule. LabSchoolsEurope baut auf diesem Projekt auf. „Für uns ist interessant, mit welchen neuen Ansätzen die Projektpartner an Demokratiebildung in der Primarstufe herangehen. Gleichzeitig können sie von unseren Erfahrungen – etwa mit Gruppenräten und anderen partizipativen Formaten – profitieren“, sagt Freke.

Das neue Netzwerk soll Methoden und Materialien zum Umgang mit Heterogenität entwickeln und evaluieren. „Als Ergebnis entstehen zum Beispiel mehrsprachige Praxis-Leitfäden, Unterrichtsmaterialien und erfolgreich erprobte Abläufe, die online zur Verfügung gestellt werden“, sagt Dr. Christian Timo Zenke. „Daneben geht es uns auch darum, die verschiedenen Ansätze partizipativer Schulforschung zu dokumentieren, zu vergleichen und weiterzuentwickeln.“

Für LabSchoolsEurope kooperieren die Universität Bielefeld und die Laborschule mit acht Partnern: der École des hautes études en sciences sociales und der Lab School Paris (Frankreich), der University of Cambridge Primary School (England), der Masaryk University und der Labyrinth Laboratory School in Brno (Tschechien) sowie der Pädagogischen Hochschule Wien, ihrer Praxisvolksschule und ihrer Praxismittelschule (Österreich).

Universität Bielefeld koordiniert zwei Projekte in Erasmus+

Das EU-Programm Erasmus+ fördert das Projekt drei Jahre lang bis August 2022 mit insgesamt 420.000 Euro über die Förderlinie zu strategischen Partnerschaften in der Hochschulbildung. LabSchoolsEurope ist das zweite Projekt in Erasmus+, das die Universität Bielefeld aktuell koordiniert.  Noch bis August 2021 läuft das Projekt „Inklusive Unterrichtsmaterialien im europäischen Vergleich – Kriterien für ihre Entwicklung und Bewertung“, geleitet von Juniorprofessorin Dr. Michaela Vogt.