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Seit 30 Jahren Menschenfeindlichkeit im Fokus


Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld feiert am 28. Mai in der Rudolf-Oetker-Halle sein 30-jähriges Bestehen. Seit seiner Gründung 1996 untersuchen Wissenschaftler*innen dort, wie Diskriminierung, Extremismus und menschenfeindliche Orientierungen, Konflikte und Gewalt die Gesellschaft prägen.

Die wichtigsten Fakten im Überblick:

  • Am IKG forschen heute rund 80 Wissenschaftler*innen, darunter kooptierte Mitglieder. Die Forschung wird zu 80 Prozent aus Drittmitteln der Wissenschaftsförderung finanziert.
  • Seit 2024 ist am IKG die erste universitäre Konfliktakademie Deutschlands angesiedelt, die „ConflictA“, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt.
  • Die jüngste Mitte-Studie unter Leitung von Institutsdirektor Professor Dr. Andreas Zick belegt wachsendes Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und Wahlen.

Das IKG ist eine Zentrale Wissenschaftliche Einrichtung (ZWE) der Universität Bielefeld. Gründungsdirektor war der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Wilhelm Heitmeyer – er baute das Institut in den 1990ern auf, bevor es am 18. Dezember 1996 gegründet wurde. Seit 2013 leitet der Sozialpsychologe Professor Dr. Andreas Zick das Institut als Direktor. Beim Jubiläumsabend in der Rudolf-Oetker-Halle blicken Mitglieder, Partner*innen und Unterstützer*innen gemeinsam auf die Geschichte des Instituts zurück. Wilhelm Heitmeyer und Andreas Zick sprechen über Gründung und Entwicklung des IKG. Weitere Gespräche – mit der Rektorin Professorin Dr. Angelika Epple und Mitgliedern des Instituts – widmen sich dem Forschungsprofil und den Perspektiven des Instituts.

Konzept mit gesellschaftlicher Reichweite

Das am IKG entwickelte Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit fließt heute in bundesweite Ausschreibungen zur Stärkung der Demokratie sowie in Medien und Politik ein. Es prägte unter anderem den Nationalen Aktionsplan Rassismus der Bundesregierung von 2018.

In Langzeitstudien erfasst das IKG sich wandelnde politische Einstellungen und deren Folgen für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Den Anfang machte die Untersuchung „Deutsche Zustände“, die von 2002 bis 2011 diskriminierende Einstellungen gegenüber jüdischen und muslimischen Menschen, People of Color, homosexuellen Menschen und weiteren gesellschaftlichen Gruppen analysierte. Die Mitte-Studie untersucht seit 2014 rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in der Bevölkerung.

Die jüngste Veröffentlichung – „Die angespannte Mitte“ 2024/25 – belegt einen wachsenden Vertrauensverlust in demokratische Institutionen und Wahlen bei gleichzeitig breiter Ablehnung rechtsextremer Einstellungen. Der Multidimensionale Erinnerungsmonitor (MEMO) dokumentiert seit 2018 die Erinnerungskultur in Deutschland. Das IKG erstellt die Analysen im Auftrag der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Zum Forschungsprofil des IKG gehören darüber hinaus Schwerpunkte wie Terrorismus und Radikalisierung, Klinische Psychologie und Gewalt, Migration und Diskriminierung sowie Wissenstransfer.

Das IKG bringt seine Perspektive auch in bundesweiten Verbünden ein. Im Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung an elf Standorten gefördert wird, koordiniert es die Bielefelder Forschung. Ebenfalls ist das IKG Partner der Forschungsgemeinschaft des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Das Netzwerk aus sieben Instituten vernetzt Migrations- und Integrationsforschung in Deutschland.

Wissenschaft in die Praxis übersetzen

Die ConflictA verbindet den Forschungsansatz des IKG mit praktischer Anwendung. Seit ihrer Gründung 2024 entwickelt sie Formate für Konfliktbearbeitung und erhebt mit dem Konfliktmonitor erstmals systematisch, welche Konflikte Bürger*innen in Deutschland als besonders drängend empfinden. Die erste Ausgabe vom Februar 2025 zeigt: 73 Prozent der Befragten meinen, gesellschaftliche Konflikte würden nicht mehr gelöst.

Wissenstransfer in die Öffentlichkeit ist für das IKG heute fester Bestandteil vieler Forschungsprojekte. Dazu nutzt das Institut verschiedene Formate. So lädt der Peace & Conflict Talk (PaCT) regelmäßig Forschende aus aller Welt ein, aktuelle Fragen der Friedens- und Konfliktforschung öffentlich zu diskutieren. Die Reihe läuft seit vier Jahren. Der Podcast „Konfliktgespräche“ greift aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu gesellschaftlichen Konflikten auf und diskutiert sie gemeinsam mit Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen. Die Themen reichen von rechtsextremen Männlichkeiten über Radikalisierung und Klimaproteste bis hin zu Journalismus und Konflikt.

Das International Journal of Conflict and Violence, das das IKG redaktionell verantwortet, erscheint als Open-Access-Zeitschrift.

Insgesamt gehören 31 Professor*innen und 55 weitere Wissenschaftler*innen dem IKG an – unter ihnen eine Gruppe von Scholars at Risk, geflohene Wissenschaftler*innen, die in Bielefeld ein sicheres Forschungsumfeld gefunden haben.

An der Universität Bielefeld ist das IKG dem strategischen Fokusbereich „Conflicts of Inequality“ (CoIn) zugeordnet, einem Forschungsnetzwerk zu Ungleichheit und gesellschaftlichem Konflikt.

Einschätzung von Professor Dr. Andreas Zick zum Thema
„Unsere Daten zeigen seit Jahren, dass Extremismus nicht an den Rändern entsteht, sondern in der Mitte der Gesellschaft – und dass das Vertrauen in Demokratie und Institutionen erodiert. Dreißig Jahre Forschung haben uns gelehrt, dass man diese Entwicklungen verstehen und benennen muss, bevor man sie verändern kann.“

Weitere Informationen:

Kontaktinformationen:

Heiko Mata, Universität Bielefeld
Geschäftsführer des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
Telefon: +49 521 106-67409
E-Mail: heiko.mata@uni-bielefeld.de

Bildmaterial:

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