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Studie untersucht abweichende Karrierewege junger Männer


Text: Jörg Heeren

Warum schlagen junge Männer aus benachteiligten Stadtteilen trotz ähnlicher Startbedingungen unterschiedliche Lebenswege ein? Eine neue Studie geht dieser Frage nach. Das Forschungsprojekt der Universität Bielefeld und der Hochschule Fulda untersucht über zwei Jahre, wie der persönliche Wunsch nach Anerkennung und die im Alltag erlebte Ausgrenzung die Lebensgestaltung beeinflussen.

Das Forschungsteam führt vorhandene Daten zu Jugendkriminalität, religiöser Radikalisierung und dem Zusammenleben im Stadtteil zusammen und wertet sie neu aus. Im Fokus stehen Männer, die einerseits gesellschaftlich erfolgreich sein wollen, andererseits aber häufig Abwertung erfahren. Trotz dieser Spannung suchen einige ihren Erfolgsweg über Bildung oder kreative Lebensentwürfe, andere wiederum wenden sich kriminellen oder extremistischen Gruppen zu.

Eine zentrale Frage der Forschenden lautet: Aufgrund welcher Erfahrungen und sozialen Dynamiken kommt es zu diesen unterschiedlichen Karrierewegen? Wie wirken gesellschaftliche Vorstellungen von Bildung, Erfolg und Zugehörigkeit mit den Erfahrungen der Betroffenen zusammen?

Porträtfoto eines Mannes mit Brille, grauem Bart und hellblauem Hemd vor einer einfarbigen grauen Wand.
Denis van de Wetering ist Soziologe am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung und leitet die Studie an der Universität Bielefeld.

Entscheidungen im Lebenslauf

„Wir wollen verstehen, an welchen Punkten im Leben sich die Wege trennen und welche Rolle das Umfeld dabei spielt“, sagt der Mitinitiator der Studie, der Soziologe Denis van de Wetering vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Die Wissenschaftler wollen daraus ein Modell verschiedener Lebensverläufe entwickeln.

Grundlage sind unter anderem bereits im Vorfeld geführte Interviews. Viele Befragte sehen Bildung als Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe. Einer bringt es so auf den Punkt: „Mit Ausbildung ist wie Gold in deiner Tasche.“ Zugleich erleben viele, dass ihre Perspektiven nicht ernst genommen werden, etwa wenn ein Dozent eines Seminars die Wortmeldung eines der Befragten abwertet: „Glauben kannst du in der Kirche, hier weißt du es.“ Solche Erfahrungen können das Verhältnis zu Bildungsinstitutionen nachhaltig belasten. Im weiteren Projektverlauf werden zusätzliche Interviews geführt.

Porträtfoto eines Mannes mit Brille und Schnurrbart, der einen dunklen Pullover über einem weißen Hemd mit Kragen trägt, vor einer hellen Betonwand.
Dr. Felix Roßmeißl ist an der Hochschule Fulda tätig und leitet und verantwortet die Studie gemeinsam mit Denis van de Wetering.

Das Gesamtvolumen des Projekts liegt bei rund 200.000 Euro. Davon übernimmt das Ministerium für Kultur und Wissenschaft Nordrhein-Westfalen 180.000 Euro, den anderen Anteil stellt die Universität Bielefeld bereit. Die Laufzeit beträgt 24 Monate. Die Projektleitung liegt bei Denis van de Wetering (Universität Bielefeld) und Dr. Felix Roßmeißl (Hochschule Fulda). Das Forschungsprojekt trägt den Titel „Ambivalenz und Karrierewege: Eine empirische Studie zur Durcharbeitung biografischer Krisen junger Männer zwischen Erfolgsparcours und Street-Jihadi-Spektrum“.

Die Untersuchung ist dem strategischen Fokusbereich „Conflicts of Inequality“ (CoIn, auf Deutsch: Ungleichheitskonflikte) der Universität Bielefeld zugeordnet. Das Netzwerk bündelt Forschung zum Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und gesellschaftlichem Konflikt. „Wenn Ungleichheit auf Ausgrenzung trifft, entstehen Konflikte“, sagt Professor Dr. Tobias Hecker, einer der Sprecher des Fokusbereichs. „Diese Studie zeigt, wie sich das in individuellen Lebenswegen widerspiegelt. Das macht sie für CoIn so aufschlussreich.“