Die Spaltung verläuft entlang harter Zahlen. Wer wie viel verdient, wo er oder sie wohnt oder welchen Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder politischer Teilhabe hat, all das lässt sich messen. Diese objektiven Unterschiede prägen den Alltag von Millionen Menschen in Deutschland und sie sind oft der Ausgangspunkt gesellschaftlicher Spannungen. Der Fokusbereich CoIn will diesen Zusammenhängen auf den Grund gehen.
„Wir sehen zunehmend Konflikte, die sich direkt oder indirekt auf soziale Verteilungsfragen zurückführen lassen“, sagt Professor Dr. Simon Kühne, Soziologe an der Universität Bielefeld. Er ist Koordinator und Sprecher des Fokusbereichs. „Dabei geht es um Ressourcen wie Geld, Einfluss oder Zugang zu Chancen, also genau die Felder, in denen Ungleichheiten bestehen.“
Im Zentrum der Forschung steht das Wechselspiel zwischen Ungleichheit und gesellschaftlichem Konflikt – empirisch, interdisziplinär und mit Relevanz für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. „Hier sehen wir noch Forschungslücken. Dieses Wechselspiel muss besser verstanden werden“, sagt er.

© Sarah Jonek
Konflikten auf den Grund gehen
An CoIn beteiligen sich mehr als 30 Wissenschaftler*innen aus sechs Fachdisziplinen: Soziologie, Psychologie, Gesundheitswissenschaften, Geschichtswissenschaft, Wirtschaftswissenschaften und Data Science. Untersucht werden unter anderem Ungleichheiten im Zugang zur Gesundheitsversorgung, unterschiedliche Familienmodelle, regionale Lebensverhältnisse oder politische Polarisierung. Die Forschenden fragen dabei nicht nur nach Ursachen, sondern auch nach Dynamiken: Welche Wechselwirkungen bestehen? Welche Konflikte entstehen aus Ungleichheiten? Und wie verstärken Konflikte bestehende Unterschiede?
Ein Aspekt, der sich durchzieht, ist der technologische Wandel. „Digitale Technologien und KI gelten oft als neutrale Instanzen, die allen zugutekommen“, so Simon Kühne. „Aber in Wahrheit entstehen hier neue Ungleichheiten in Bezug auf Zugang und Nutzungsverhalten.“ Wem kommt generative KI zugute? Wer bleibt zurück? „Manche Gruppen werden davon profitieren und Karriere machen, andere werden verlieren, wenn ihre Jobs durch den Wandel wegfallen.“
Die Forschung des Fokusbereichs ist empirisch angelegt. „Wir arbeiten mit klassischen sozialwissenschaftlichen Methoden, aber auch mit neuen digitalen Datenquellen und Data-Science-Ansätzen.“ Dazu gehören beispielsweise Social-Media-Daten, Kommentare auf Online-Plattformen oder Bildanalysen von Instagram – jeweils kombiniert mit quantitativen oder qualitativen Verfahren.
Wissensaustausch mit Gesellschaft und Politik
CoIn versteht sich aber nicht nur als Forschungsplattform, sondern auch als Ort des Transfers. Geplant sind Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger*innen, Veranstaltungen mit Bürger*innen und Politik sowie interaktive Tools. „Denkbar ist etwa ein ‚Ungleichheitskonflikt-Monitor‘, der diskutierte Themen in verschiedenen Regionen über einen bestimmten Zeitraum hinweg gegenüberstellt“, sagt Kühne.
Dafür arbeitet CoIn eng mit der „ConflictA“ (Konfliktakademie) am Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld zusammen, die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert wird. Die ConflictA entwickelt seit 2023 innovative Formate der Wissenschaftskommunikation – etwa Dialogveranstaltungen, Workshops oder digitale Formate. „Von dieser Erfahrung profitieren wir bei CoIn.“

© Stefan Sättele
Studierende und Promovierende werden in CoIn aktiv eingebunden. Seit dem Wintersemester 2025/26 wird das Lehrangebot um thematisch passende Seminare und Vorlesungen erweitert. Auch Postdoktorand*innen erhalten die Möglichkeit, eigene Teilprojekte zu entwickeln und ihre wissenschaftliche Laufbahn voranzutreiben. „Uns ist wichtig, Postdocs die Chance zu geben, sich fachlich zu profilieren, ihre Forschung zu kommunizieren und die Vorteile unseres Netzwerks aktiv zu nutzen.“
Simon Kühne selbst freut sich darauf, nach einer langen Planungsphase mit der konkreten Forschungsarbeit starten zu können. „Und das in neuen Konstellationen“, sagt er. „Gerade im interdisziplinären Austausch liegt großes Potenzial – auch, um mit neuen Perspektiven auf gesellschaftliche Herausforderungen zu blicken.“