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Füße stehen auf Asphalt, auf dem Pfeile abgebildet sind, die in verschiede Richtungen zeigen

Normative Urteile – die Summe guter Gründe?


Autor*in: Ludmilla Ostermann

Dem Kind zu Weihnachten eine Smartwatch schenken – ja oder nein? Vor ähnlichen Fragen standen in der Vorweihnachtszeit viele Menschen. Denn jede*r tut es, fast jeden Tag, nicht nur beim Geschenkekauf: Wer eine Entscheidung trifft, wägt Pros und Kontras ab, Gründe dafür, etwas zu tun, und Gründe dagegen. Der Philosoph Professor Dr. Benjamin Kiesewetter widmet sich an der Universität Bielefeld diesem Prozess mit dem ERC-Forschungsprojekt „REASONS F1RST – The Structure of Normativity“ (sinngemäß: Gründe zuerst – Die Struktur der Normativität).

Kiesewetters achtjähriger Sohn hatte sich die Smartwatch gewünscht. Und den Vater damit in eine konkrete Abwägungssituation gebracht: „Ich würde ihm damit einen Wunsch erfüllen, er wäre telefonisch erreichbar und kann mich von unterwegs erreichen. Wenn ich nicht weiß, wo er ist, kann ich sogar per App seinen Standort tracken“, fasst Kiesewetter die Pros zusammen. Die Kontra-Argumente: Die Uhr sei teuer, das Geschenk vermutlich nur von kurzer Attraktivitätsdauer. Die Überwachung von Kindern mit elektronischen Geräten sei zudem ein nicht unproblematischer Eingriff in ihre Privatsphäre.

Portrait von Prof. Dr. Benjamin Kiesewetter
Prof. Dr. Benjamin Kiesewetter leitet das Projekt „REASONS F1RST“ an der Universität Bielefeld.

Die Gründe sprachen also mit einem gewissen Gewicht für und gegen die Entscheidung eines Kaufs. Wie endete also der Abwägungsprozess? „Ich kam zu dem Ergebnis, dass die Gegengründe nicht so gewichtig sind, um den Umstand auszustechen, dass die Uhr sein wichtigster Wunsch ist und er sich sehr über sie freuen würde.“

Einheitliches Verständnis von Normativität

Wir beantworten die Frage „Was soll ich tun?“, indem wir Gründe für und gegen unsere Optionen abwägen. Entsprechend können wir normative Urteile darüber, was wir tun sollen, als Urteile über Gründe verstehen – genauer: als Urteile darüber, dass die Balance der Für- und Gegengründe in eine bestimmte Richtung weist. „Diese Auffassung über normative Sollensurteile möchte ich auf alle normativen Urteile ausweiten“, erklärt Kiesewetter die Arbeit seines Teams, das aktuell aus einem Postdoc sowie einer Doktorandin besteht und noch wachsen soll.

„Wir gehen der Hypothese nach, dass alle normativen Urteile – auch Urteile darüber, was richtig oder falsch, gut oder schlecht, gerechtfertigt oder ungerecht ist – letztlich über Gründe ausbuchstabiert werden können.“ Damit hoffen die Forscher*innen, eine Lücke schließen zu können: In der Philosophie gilt Normativität zwar als eine zentrale Kategorie menschlichen Denkens, sie ist aber der Fülle normativer Urteile schwer zu fassen. „Was uns fehlt, ist ein einheitliches Verständnis davon, was Normativität tatsächlich ist“, sagt der 44-Jährige.

Um die Idee von Normativität als einheitliches Phänomen zu erforschen, unternimmt das Team eine Begriffsanalyse: „Wir nehmen Begriffe wie den des Sollens oder der Pflicht unter die Lupe und erarbeiten Vorschläge, wie wir sie mithilfe des Grundes analysieren können“, sagt Kiesewetter. Die Erkenntnisse sollen dann aus einem Bereich der Philosophie auf andere übertragen werden. Schließlich spiele der Begriff des Grundes nicht nur in der Theorie praktischen Überlegens, sondern auch in der Moralphilosophie, der Erkenntnistheorie, der Werttheorie oder der Philosophie der Emotionen eine wichtige Rolle.

Portrait von Philosoph Prof. Dr. Benjamin Kiesewetter
„Fragen der angewandten Ethik sind letztlich Fragen darüber, wie bestimmte Gründe miteinander kombiniert und gegeneinander abgewogen werden können.“
Prof. Dr. Benjamin Kiesewetter

Ästhetische Emotionen begründen

Und auch in der Ästhetik. Ist das Gemälde schön oder hässlich? Solch eine Bewertung liegt nach verbreiteter Auffassung im Auge der Betrachter*innen. Nicht nur, erklärt Benjamin Kiesewetter: „Solche Fragen sind auch Fragen nach dem Verhältnis von Gründen für und gegen bestimmte ästhetische Emotionen und damit Fragen danach, welche Eigenschaften von Objekten uns Gründe liefern, auf bestimmte Weise auf sie zu reagieren. Die Matschpfütze, an der ich am Morgen vorbeilaufe, hat keine Eigenschaften, die mir Gründe gibt, sie wertzuschätzen.“ Das unterscheidet sie von – zum Beispiel – einem Gemälde von Vermeer.

Von „REASONS F1RST“ erhofft sich Kiesewetter nicht nur wichtige Fortschritte in zentralen Grundlagenfragen der Philosophie, sondern auch für Fragen der angewandten Ethik. „In der Coronapandemie standen wir vor der Frage, ob wir in Situationen der Triage möglichst viele Menschenleben retten und nach Sterberisiko entscheiden sollen, oder möglichst viele Menschenjahre retten und damit Jüngere bevorzugen. Das sind letztlich Fragen darüber, wie bestimmte Gründe miteinander kombiniert und gegeneinander abgewogen werden können.“

„Genau mein Ding“

Die Praktische Philosophie, die Fragen des Zusammenlebens von Menschen behandelt, ist heute das Fachgebiet des Philosophen. „Ich glaube, ich habe schon immer über philosophische Themen nachgedacht, auch wenn ich es lange nicht wusste“, sagt Kiesewetter. „Mein Mitbewohner hatte es begeistert studiert, während ich noch Zivildienst geleistet habe. Ich habe gemerkt: Philosophie ist genau mein Ding, eine Methode, über interessante Fragen nachzudenken, auf eine konsequentere Art und Weise, als wir es im Alltag können.“ Nach dem Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin folgten Auslandsaufenthalte in Berkeley (USA), Buenos Aires (Argentinien) und Positionen in Canberra (Australien), der Humboldt Universität zu Berlin, der Technischen Universität Dresden und der Universität Hamburg.

Portrait von Philosoph Prof. Dr. Benjamin Kiesewetter
Philosoph Prof. Dr. Benjamin Kiesewetter erforscht die Struktur von Normativität.

Benjamin Kiesewetter wurde im März auf die Professur für Praktische Philosophie der Universität Bielefeld berufen. Rufe an die Universitäten Heidelberg und Stuttgart lehnte er ab. Die Entscheidung für Ostwestfalen fiel ihm nicht allzu schwer: „Ich fühle mich an der Abteilung für Philosophie sehr wohl, habe ein tolles Kollegium und passe philosophisch sehr gut hierher. Von der Universitätsleitung habe ich mich wertgeschätzt gefühlt“, sagt Kiesewetter. „Und schließlich ist die progressive, reformorientierte Haltung der Universität bei mir auf Gegenliebe gestoßen.“ Eine Reihe guter Gründe also.

Über den ERC

Der ERC wurde 2007 von der Europäischen Union ins Leben gerufen und ist die führende europäische Förderorganisation für exzellente Pionierforschung. Mit dem ERC Starting Grant werden Nachwuchswissenschaftler*innen unterstützt, die durch hervorragende Arbeiten aufgefallen sind. Die Förderung steht allen Disziplinen und Themen offen. Das Projekt „REASONS F1RST“ erhält 1,5 Millionen Euro Fördermittel.