Straßenszene aus einer belebten Fußgängerzone

„Missverhältnis zwischen Maßnahmen und Fallzahlen“

Die weitgehende Aufhebung der Corona-Schutzmaßnahmen kann unabsehbare Folgen haben“, sagt der Epidemiologe Professor Dr. med. Oliver Razum von der Universität Bielefeld. Im Interview erklärt der Gesundheitswissenschaftler, warum er sich dafür ausspricht, in der Öffentlichkeit durchgehend an der Maskenpflicht festzuhalten und warum radikale Lösungen ungeeignet sind, um die Pandemie zu bewältigen.

Anfang dieses Monats wurden die Corona-Schutzmaßnahmen bundesweit stark zurückgefahren. Wie angebracht ist das aus Ihrer Sicht?

Razum: Die Omikron-Variante ist mittlerweile in ganz Europa dominant. Und damit sind wir in einer kritischen Situation. Wir haben ein Missverhältnis zwischen den reduzierten Maßnahmen und den Fallzahlen, zu denen es wegen der starken Ansteckungsfähigkeit der Omikron-Variante kommt. Manche behaupten pauschal, dass die Omikron-Variante seltener zu schweren Verläufen führt, und fordern, das Virus nun weitgehend unkontrolliert durchlaufen zu lassen. Gegen diese Forderung habe ich mehrfach Bedenken. Erstens: Wären alle geimpft oder hätten alle eine Corona-Infektion durchgemacht, dann käme es bei Omikron tatsächlich nur selten zu schweren Verläufen. Aber es sind leider erst drei Viertel der Bevölkerung geimpft, geboostert sind sogar nur knapp 60 Prozent. Zweitens: Wir sehen fortwährend Ausfälle bei wichtigen Dienstleistungen – vor allem in Krankenhäusern, ebenso im öffentlichen Personennahverkehr – einfach, weil Beschäftigte krank sind. Sie sind nicht lebensbedrohlich krank, aber doch so, dass sie ein, zwei Wochen arbeitsunfähig sind. Drittens: Mit jeder zusätzlichen Übertragung von SARS-CoV-2 erhöht sich das Risiko, dass eine neue Mutation auftritt. Im schlechtesten Fall hat sie problematischere Eigenschaften als Omikron. Das kann dazu führen, dass es wieder verstärkt zu schwereren Verläufen kommt und dass Geimpfte nicht oder nicht gut geschützt sind. Es kann auch sein, dass harmlosere Varianten entstehen und dadurch die Pandemie ausläuft – das wissen wir aber nicht. Und das kann auch keiner und keine der Virolog*innen sicher vorhersagen. Mich besorgt die sehr weitgehende Aufhebung der Schutzmaßnahmen. Ich fände es angemessen, an der Maskenpflicht festzuhalten – ein kleiner Eingriff in die Freiheit. Die Maskenpflicht im öffentlichen Personennahverkehr ist das absolute Minimum. Ich hätte mir gewünscht, dass auch in anderen öffentlichen Bereichen – etwa Supermarkt oder Kino – die Maskenpflicht weiterbesteht.

Die Impfung wurde lange Zeit als große Chance gesehen, die Pandemie zu beenden. Seit Ende 2020 wird in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft. Viele Menschen erkranken trotz Impfung. Ein enttäuschendes Ergebnis?

Razum: Keineswegs. Im Nachhinein gesehen war es sensationell, dass in so kurzer Zeit mehrere insgesamt gut verträgliche Impfstoffe entwickelt worden sind. Dass diese Impfstoffe nur kurze Zeit schützen, kommt nicht überraschend. Es ist eine bekannte Beobachtung, dass man Schnupfen alle zwei oder drei Jahre kriegt. Schnupfenerkrankungen werden von Viren, auch von harmlosen Coronaviren, hervorgerufen. Im Fall des Schnupfens baut das Immunsystem eine Immunabwehr auf, wenn es mit dem Virus konfrontiert wird, aber die hält leider nicht lange. Anders ist das bei Masern. Da schützen die Impfung oder der Kontakt mit dem Virus lebenslang. Im Fall von  SARS-CoV-2 war schon früh abzusehen, dass es nicht damit getan ist, ein oder zwei Mal zu impfen, sondern häufiger, zum Beispiel jedes Jahr, ebenso wie beim Grippevirus. Und so, wie sich das Grippevirus von Jahr zu Jahr verändert, so wandelt sich auch das Coronavirus. Ähnlich wie bei der Grippe dürften künftig Impfstoffe, die an die jeweils dominanten Corona-Varianten angepasst werden, dazu beitragen, die neuen Mutanten des Virus besser zu bekämpfen.

Prof. Dr. med. Oliver Razum von der Universität Bielefeld
„Radikale Lösungen funktionieren in der Pandemie nicht. Denn eine Pandemie ist kein rein statistisches Phänomen, sie ist ein soziales Phänomen“, sagt der Epidemiologe Prof. Dr. med. Oliver Razum von der Universität Bielefeld. Foto: Mike-Dennis Müller

Die Pandemie zieht sich jetzt seit mehr als zwei Jahren hin. Immer wieder wurde über drastische Maßnahmen diskutiert, um die Entwicklung der Pandemie besser zu lenken. Was beurteilen Sie solche Lösungsversuche?

Razum: Schon früh in der Pandemie gab es eine Phase, in der viel modelliert wurde – allerdings auch von zahlreichen Expert*innen, die sich mit den sozialen und medizinischen Aspekten einer Pandemie kaum auskannten. Sie haben in erster Linie auf die Zahlen geschaut, doch das ist zu wenig. Und auf dieser Grundlage wurden radikale Lösungen gefordert. Ein radikaler Lösungsansatz ist Zero-Covid, also der Versuch, möglichst überhaupt keine Fälle auftreten zu lassen. Das Gegenstück war das Durchbrennen-Lassen, also komplett auf Schutzmaßnahmen zu verzichten. Aber: Radikale Lösungen funktionieren in der Pandemie nicht. Denn eine Pandemie ist kein rein statistisches Phänomen, sie ist ein soziales Phänomen. In China war schon relativ früh zu sehen, dass die Anwendung des Zero-Covid-Prinzips zu heftigsten sozialen Verwerfungen und Eingriffen führt, die wir in einer Demokratie unter keinen Umständen haben wollen. Auch der Vorschlag, nur ältere Menschen und Risikogruppen zu schützen, funktioniert in der Praxis nicht. Das würde ja erfordern, einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung buchstäblich wegzusperren. Und wie sollen diese Menschen versorgt werden? Bei aller Kritik im Einzelnen an den staatlichen Maßnahmen in Deutschland – ich kann mich nicht erinnern, dass Verantwortliche in den Bundes- und Landesregierungen jemals ernsthaft über solche radikalen Lösungen diskutiert haben.

„Ich beobachte, dass die Universitätsleitung simple, radikale Lösungen vermieden hat und auch weiterhin vermeidet – und das sehe ich außerordentlich positiv.“

Epidemiologe Prof. Dr. med. Oliver Razum

Wenn Sie speziell auf die Universität Bielefeld schauen – wie beurteilen Sie die Entscheidungen des Rektorats zum Umgang mit der Pandemie?

Razum: Ich beobachte, dass die Universitätsleitung simple, radikale Lösungen vermieden hat und auch weiterhin vermeidet – und das sehe ich außerordentlich positiv. Ich glaube, es war der Kanzler unserer Universität, der gesagt hat, der Umgang mit der Pandemie gleiche einem Fahren auf Sicht. Das trifft es. Es ist eine Situation, in der man immer wieder neue Informationen bekommt, diese beurteilen muss, um dann eine neue Entscheidung zu treffen. Ich finde, dass die Universitätsleitung das nahezu vorbildlich handgehabt hat. Es wurde nicht alle drei Tage eine neue Regelung vorgegeben, sondern die Regelungen hatten für Wochen oder auch Monate Bestand. Sie wurden auch mit Blick auf soziale Belange getroffen und unter Berücksichtigung dessen, dass die Pandemie für viele an der Universität eine sehr belastende Situation ist – belastend aufgrund der Angst, schwer zu erkranken, belastend aber auch aufgrund des Gefühls, allein zu sein und wenig Kontakte zu haben. So wurde es denjenigen Studierenden und Beschäftigten ermöglicht, unter Vorsichtsmaßnahmen in die Gebäude der Universität kommen, die zu Hause nicht arbeiten konnten, etwa weil ihnen die technische Ausstattung fehlte oder weil sich dort zu viele Menschen auf engem Raum aufhielten.

Obwohl Bund und Länder viele Schutzmaßnahmen gestrichen haben, hält das Rektorat die Maskenpflicht in Innenräumen vorerst aufrecht. Was halten Sie davon?

Ich habe, bevor die Regelung bekannt gegeben wurde, mit dem Rektor unserer Universität telefoniert. Dabei hat er die Beibehaltung der Maskenpflicht angekündigt. Meine unmittelbare Reaktion war: Danke! Ich halte die Maskenpflicht für vollkommen richtig und bin mit der aktuell unklaren staatlichen Regelung unzufrieden. Man muss bei einer Pandemie immer abwägen. Es gibt keine perfekten Lösungen, es gibt vor allem Dingen keine „kostenlosen“ Lösungen – und damit meine ich vor allem die sozialen Kosten. Wir müssen es ermöglichen, dass Studierende ohne Angst und ohne Gefährdung wieder gemeinsam miteinander in Präsenz studieren können. Dabei muss berücksichtigt werden, dass unter den Studierenden und Lehrenden auch Menschen mit chronischen Erkrankungen sind, für die eine Infektion gefährlich sein kann. Hinzu kommen Studierende mit Angehörigen, für die eine Ansteckung riskant wäre. Ich empfinde das Tragen von Masken in den geschlossenen Räumen als vergleichsweise geringe Einschränkung der Freiheit. Es wird im Zusammenhang der Pandemie viel über Freiheit geredet. Wir leben in einer Gesellschaft, in der nicht alle ständig alle Freiheiten haben – zum Glück. Es gibt nicht die Freiheit, mit 100 Stundenkilometern durch die Bielefelder Innenstadt zu fahren, auch wenn es manchen Menschen vielleicht Spaß bringt. Und diese Vorgabe hat gute Gründe. Ähnlich ist es mit den Einschränkungen durch die FF2-Masken und die medizinischen Masken. Sie helfen nicht nur der Person, die sie trägt, sich zu schützen. Sie helfen auch, das Ansteckungsrisiko für schwächere und gefährdete Personen zu verringern. Es sichert ihnen Freiheit und Lebensqualität, wenn sie sich nicht isolieren müssen. So leistet eine Maskenpflicht auch einen kleinen Beitrag dazu, mehr gesundheitliche Chancengleichheit zu gewährleisten.

Zur Person

Der Gesundheitswissenschaftler Dr. med. Oliver Razum ist Professor für Epidemiologie und International Public Health an der der Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Er ist Experte für Migration, Globalisierung und gesundheitliche Ungleichheit. Razum forscht zu sozialen Determinanten von Gesundheit, also Lebensbedingungen und soziale Zugehörigkeit, die individuelle Gesundheit mit bestimmen. Er befasst sich insbesondere damit, wie Diversitätsmerkmale, zum Beispiel eine Einwanderungsgeschichte, und der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung zusammenhängen.