Wie Rechtsextremismus schleichend normal wird

Ob im Parlament, in den sozialen Medien oder bei Demonstrationen: Rechtsextremistische Positionen haben in den letzten Jahren eine Sichtbarkeit erlangt, die lange undenkbar war. Das gilt nicht nur für Europa, sondern ebenso zum Beispiel für die USA, Brasilien und Indien. Wie kommt es zu dieser Normalisierung, wie verändert sie die Gesellschaft und welche Widerstandsstrategien werden in Politik und Zivilgesellschaft genutzt? Das sind Fragen, denen die Kooperationsgruppe „Normalizing the Far Right“ (Die Normalisierung der extremen Rechten) bis Dezember 2023 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) nachgeht. Die internationale und interdisziplinäre Forschungsgruppe beginnt mit der Tagung „Normalization of the Far Right and its Mechanisms“ (Die Normalisierung der extremen Rechten und ihre Mechanismen), die vom 17. bis zum 19. Februar in hybridem Format am ZiF stattfindet. Zur Tagung gehört eine öffentliche Online-Podiumsdiskussion am 17. Februar um 18:20 Uhr.

Die Historikerin Prof’in Dr. Christina Morina von der Universität Bielefeld ist eine der drei Leiterinnen der interdisziplinäre Ko-operationsgruppe am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF). Foto: Thomas Gebauer

„Mit dem Aufkommen des Rechtspopulismus im neuen Jahrtausend wurde rechtsextremes Denken immer normaler. Rechtspopulisten und Rechtsextremisten haben wichtige Funktionen als Oppositionsparteien oder sogar in Regierungen übernommen“, so die Politikwissenschaftlerin Professorin Dr. Paula Diehl von der Universität Kiel. Sie leitet die Kooperationsgruppe zusammen mit der Historikerin Professorin Dr. Christina Morina von der Universität Bielefeld und der Politikwissenschaftlerin Professorin Dr. Birgit Sauer von der Universität Wien. Die Normalisierung der extremen Rechten sei eine Herausforderung für die Demokratie, da sie die Wahrnehmung dessen verändere, was demokratisch akzeptabel sei und was als normal gelte, so Christina Morina. „Die weite Verbreitung rassistischer und sexistischer Äußerungen ist ein gutes Beispiel dafür“, erklärt die Wissenschaftlerin. 

Politikwissenschaftlerin Prof’in Dr. Paula Diehl von der Universität Kiel ist ebenfalls Leiterin der Kooperationsgruppe. Sie sagt: „Mit dem Aufkommen des Rechtspopulismus im neuen Jahrtauend wurde rechtsextremes Denken immer normaler.“ Foto: Universität Kiel

Die Kooperationsgruppe wird sich damit befassen, wie antidemokratische Ideen, Einstellungen und soziale Praktiken in jüngerer Zeit gesellschaftsfähig wurden, einschließlich darauf basierender Politik: Gibt es gemeinsame Normalisierungsmechanismen, die alle diese Aspekte des gesellschaftlichen Lebens durchdringen? Funktionieren sie in den verschiedenen Bereichen von Politik und Gesellschaft, etwa politischer Kommunikation, Medien, Kultur und Recht, in gleicher Weise? „Das Ziel dieser Kooperationsgruppe ist es, die Mechanismen der Verbreitung und Normalisierung rechtsextremen Denkens aufzudecken und zu zeigen, wie sich die Grenzen des Normalen, des Sagbaren und Machbaren in der Demokratie verschieben“, erklärt Birgit Sauer. Dazu werden die Forschenden unter anderem die Reaktionen auf die Covid-19-Pandemie, etwa in Ungarn, Brasilien und den USA, analysieren. 

Prof’in Dr. Birgit Sauer ist Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien. Auch sie gehört zum Leitungsteam der internationalen Kooperationsgruppe „Normalizing the Far Right“ (Die Normalisierung der extremen Rechten). Foto: Otto Penz

Die Kooperationsgruppe setzt auf eine interdisziplinäre Perspektive und arbeitet mit internationalen Vergleichen. „Unser Ziel ist es, den Dialog zwischen internationalen Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Soziologie, Politikwissenschaft, Recht, Geschichte, Medien und Kulturwissenschaften zu fördern“, erklärt Diehl. 

Für die Eröffnungskonferenz konnten die Leiterinnen der Kooperationsgruppe 40 Teilnehmer*innen aus zwölf Ländern gewinnen. Gemeinsam werden sie die Zusammenhänge von Faschismus, Populismus, der Anti-Gender-Bewegung und Verschwörungstheorien analysieren und nach der Bedeutung von Emotionen, Sozialen Medien und der Pop-Kultur für die Normalisierung der extremen Rechten fragen. Sie tagen teils in Präsenz am ZiF und teils zugeschaltet.

Zudem steht eine öffentliche Online-Podiumsdiskussion mit dem Titel „Dimensionen der Normalisierung der radikalen Rechten“ auf dem Programm.

Die Tagungssprache ist Englisch, die Podiumsdiskussion findet auf Deutsch statt. Journalist*innen sind herzlich eingeladen, über die Veranstaltung zu berichten. Eine Anmeldung für die Tagung und die Podiumsdiskussion ist erforderlich bei: trixi.valentin@uni-bielefeld.de.

Das Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld ist eine unabhängige, thematisch ungebundene Forschungseinrichtung und steht Wissenschaftler*innen aller Länder und aller Disziplinen offen.