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Studie zur Gesundheitskompetenz und Migrationshintergrund


Autor*in: Universität Bielefeld

Gesund bis ins hohe Alter – die Gesundheitskompetenz trägt dazu entscheidend bei. Fehlt sie, wirkt sich das auf das Verhalten der Personen aus: wenig Sport und Bewegung, schlechte Ernährung, mehr Medikamente und intensivere Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung. Obwohl die Einwohner*innen mit Migrationshintergrund fast ein Viertel der gesamten Bevölkerung in Deutschland ausmachen, gab es bisher keine umfangreiche Erhebung ihrer Gesundheitskompetenz. Wissenschaftler*innen der Universitäten Bielefeld und Köln analysierten jetzt erstmals die Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund. Das zentrale Ergebnis: Entgegen der bislang vorherrschenden Einschätzung fällt ihre Gesundheitskompetenz ähnlich aus wie die der Gesamtbevölkerung in Deutschland, tendenziell sogar etwas besser.

Das Studienteam folgert aus dem Ergebnis, dass Menschen mit Migrationshintergrund mit Blick auf ihre Gesundheitskompetenz nicht pauschal als vulnerable Gruppe bezeichnet werden können, sondern differenziert zu betrachten sind.

Erstmals speziell Menschen mit Migrationshintergrund zu Gesundheitskompetenz befragt

Forschende der Universität Bielefeld erfassen regelmäßig den Stand der Gesundheitskompetenz der Menschen, die in Deutschland leben. Die Studie zur Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland (HLS-MIG) legt einen neuen Schwerpunkt. „Erstmals haben wir mit der Studie das Ausmaß, die Ursachen und die Konsequenzen der Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland detailliert erfasst“, sagt Professorin Dr. Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld. Sie leitet die Studie gemeinsam mit Dr. Eva-Maria Berens, ebenfalls von der Universität Bielefeld.

Für die Studie wurden die zwei größten Einwanderungsgruppen in Deutschland befragt: Menschen mit Migrationshintergrund aus der Türkei und aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Gemeinsam haben sie einen Anteil von 30 Prozent an allen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.

Prof’in Dr. Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld leitete die neue Studie zur Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund. Seit 2014 verantwortet sie groß angelegte Studien zur Gesundheitskompetenz in Deutschland. Foto: Universität Bielefeld/S. Roth

Kaum Unterschiede zur Allgemeinbevölkerung

Die von der Robert Bosch Stiftung geförderte Studie zeigt, dass gut die Hälfte (52 Prozent) der Personen mit ex-sowjetischem und türkischem Migrationshintergrund über eine geringe Gesundheitskompetenz verfügt; die andere Hälfte (48 Prozent) weist eine hohe Gesundheitskompetenz auf. Menschen mit Migrationshintergrund sind damit ähnlich aufgestellt wie die Allgemeinbevölkerung. Dies erklären die Forscherinnen mit der oft langjährigen Aufenthaltsdauer. „Zur Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund zählen alle, die selbst nach Deutschland eingewandert sind und auch ihre Nachkommen. Oft leben sie schon seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland“, sagt Eva-Maria Berens.

Zu beachten sei aber, dass Gesundheitskompetenz bei Menschen mit Migrationshintergrund sozial ungleich verteilt ist, so Berens. Niedriges Bildungsniveau, niedriger Sozialstatus, ein höheres Lebensalter und chronische Erkrankungen – das sind der Studie zufolge alles Faktoren, die ähnlich wie in der Allgemeinbevölkerung auch, mit einer geringeren Gesundheitskompetenz einhergehen. Zudem haben eine eigene Migrationserfahrung und geringe Deutschkenntnisse Einfluss auf geringe Gesundheitskompetenz.

„Die vorgelegte Studie zeigt deutlich, wie wichtig es ist, genauer hinzusehen und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Der Migrationshintergrund spielt – anders als Armut oder Bildungsstand – keine wesentliche Rolle für die Gesundheitskompetenz. Das ist ein ermutigendes Signal für das gemeinsame Leben in einer Einwanderungsgesellschaft und gibt wichtige Hinweise für die Interventionsentwicklung“, sagt Dr. Ingrid Wünning Tschol, Bereichsleiterin Gesundheit der Robert Bosch Stiftung GmbH.

Nutzung fremdsprachlicher Gesundheitsinformationen ist weit verbreitet

Menschen mit Migrationshintergrund haben laut der Studie ein großes Interesse an Gesundheitsinformationen. Ein großer Teil der Befragten nutzt Gesundheitsinformationen mehrsprachig. Mehr als die Hälfte der ex-sowjetischen Befragten (64 Prozent) bezieht Gesundheitsinformationen auch oder ausschließlich auf Russisch. Befragte mit türkischem Migrationshintergrund nutzen zu 45 Prozent auch Informationen auf Türkisch. „Vor allem Menschen mit eigener Migrationserfahrung und geringen Deutschkenntnissen suchen häufiger nach Information in
der Sprache ihres Herkunftslandes. Aber auch Befragte der zweiten Generation und mit guten Deutschkenntnissen machen durchaus davon Gebrauch“, sagt Eva-Maria Berens.

Die Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Eva-Maria Berens ist Co-Leiterin der neuen Studie. Sie forscht am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld. Foto: Universität Bielefeld

Ausführliches Zuhören ist in Behandlungsgesprächen nicht selbstverständlich

Einen Unterschied zur Allgemeinbevölkerung konnten die Wissenschaftler*innen bei der Kommunikation mit Ärzt*innen feststellen. Für Menschen mit Migrationshintergrund ist es gemäß der Studie besonders schwer, Ärzt*innen zum Zuhören zu bringen, ohne unterbrochen zu werden. Etwa ein Drittel der ex-sowjetischen Befragten wie auch der Befragten mit türkischem Migrationshintergrund findet das schwierig. Dieser Wert ist deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Auch Fachbegriffe sind eine Hürde.

Die Forscherinnen sehen großen Handlungsbedarf in Politik und Gesellschaft. „Wir müssen gesellschaftlich mehr in die Förderung der Gesundheitskompetenz der gesamten Bevölkerung investieren“, sagt Doris Schaeffer. „Außerdem muss das pauschale Bild von Menschen mit Migrationshintergrund revidiert und die Gruppe differenziert betrachtet werden.“ Um den Umgang mit Gesundheitsinformationen zu erleichtern, sehen die Forscherinnen verschiedene Ansatzpunkte. Besonders die Qualität und Zugänglichkeit von Gesundheitsinformationen muss verbessert und mehr auf geringe Gesundheitskompetenz und Diversität ausgerichtet werden. Auch zielgruppenspezifische Maßnahmen zur Förderung der Gesundheitskompetenz sind sehr wichtig.

Hintergrund der Studie

Konzipiert wurde die Studie nach dem Vorbild des Health Literacy Survey Germany (HLS-GER), mit dem 2014 und 2020 in einer repräsentativen Befragung die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland ermittelt wurde. Für die jetzige Erhebung wurden die Fragebögen an die Besonderheiten von Menschen mit Migrationshintergrund angepasst und etwa 1.000 Interviews erhoben und ausgewertet. Das bis September 2022 laufende Projekt wurde mit 650.000 Euro von der Robert Bosch Stiftung gefördert. Gesundheitskompetenz umfasst die Fähigkeit, Informationen zu Gesund-heitsthemen finden, verstehen, einschätzen und anwenden zu können. Frühere Studien zeigen: Je geringer diese Kompetenz bei Menschen ausfällt, desto häufiger suchen sie Ärzt*innen auf, kommen öfter ins Krankenhaus und nutzen Notfalldienste.