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Die Digitalisierung des Mittelalters


Autor*in: Jan Henning Rogge

Aus einer Idee am Sonderforschungsbereich „Praktiken des Vergleichens“ (SFB 1288) ist ein Projekt geworden, das Forschenden weltweit hilft, alte Texte und bald auch Handschriften digital zu analysieren.

Dokumente digital zu erschließen, das ist fast ein alter Hut. Wer am Computer arbeitet, durchsucht Dokumente, Internetseiten oder Bilder. Doch was wäre, wenn es eine Software gäbe, die dabei helfen könnte, alte, nicht mehr gebräuchliche Schriften zu durchsuchen? Eine Software, die Licht in das Sprachdurcheinander brächte, wie es sie zum Beispiel in mittelalterlichen Texten gab, und noch dazu komplexe Suchoperationen beherrscht?

Die Webanwendung steht allen Forschenden kostenfrei zur Verfügung

Die Idee ist gut und deshalb ist es nicht dabei geblieben: Ein interdisziplinäres Team um Professorin Dr. Silke Schwandt hat eine solche Software am Sonderforschungsbereich „Praktiken des Vergleichen“ (SFB 1288) entwickelt – wobei es streng genommen „eine Sammlung einzelner Programme und Tools“ ist, wie die Historikerin erklärt. Die Benutzung steht Forschenden aller Disziplinen weltweit kostenfrei zur Verfügung, egal ob Studierenden, Hobbyforscher*innen oder Wissenschaftler*innen.

Nopaque heißt die Webanwendung. Der Name ist ein Wortspiel aus den englischen Begriffen „No“ und „Opaque“ (undurchsichtig) und Programm: „Undurchsichtige“ Dokumente sollen mit dem Programmbündel in verständliche, bearbeitbare Formate überführt werden. Dafür werden sie automatisch mit Informationen angereichert, um anschließend leichter analysiert werden zu können. Die Webanwendung kann noch mehr: Sie analysiert Wortarten, stellt Sinnzusammenhänge her, kann anhand bestimmter Merkmale Schriften „lernen“ und lesbar machen – bald soll das sogar für Handschriften funktionieren.

Klassisches Handwerk mit digitalen Methoden verknüpfen

Dazu durchlaufen die Dokumente verschiedene Stufen: Die automatische Schrifterkennung, die maschinelle Verarbeitung des Textinhalts und die Suche nach Schlüsselwörtern. „Nicht jede der eingesetzten Software haben wir selbst geschrieben“, sagt Patrick Jentsch, der für die technische Entwicklung zuständig ist. „Wir haben für Nopaque auch Software kombiniert, die es schon auf dem Markt gibt.“ Ein Beispiel dafür ist freie Texterkennungssoftware Tesseract. Als frei zugängliche und aufeinander aufbauende Sammlung dieser Tools ist Nopaque laut Silke Schwandt allerdings einzigartig.

Prof’in Dr. Silke Schwandt arbeitet mit ihrem Team daran, alte Texte digital erforschbar zu machen. Foto: Universität Bielefeld/P. Ottendörfer

Für die Professorin für Digital History und Geschichte des Mittelalters ist Nopaque mehr als ein digitales Hilfsmittel. „An meinem Lehrstuhl geht es unter anderem darum, das klassische Handwerkszeug von Historiker*innen zu lernen und mit digitalen Methoden zu verknüpfen“, sagt Schwandt. In ihrer eigenen Forschung, in der sie unter anderem anhand mittelalterlicher Rechtstexte die damalige Gesellschaft analysiert, stehen mit Nopaque ganz neue Möglichkeiten zur Verfügung. Eine Grenze haben die Programme aber, stellt Schwandt fest: „Die Software kann bei der Analyse helfen – die Schlüsse muss aber weiterhin der Mensch ziehen.“