Inklusionshelfer*innen für das Digitale

11.02.2021
von: Universität Bielefeld

Ob Rechnen und Schreiben üben mit ANTON und Scoyo oder Online-Kurse auf Moodle: Digitales Lernen wird an Schulen zunehmend zur Normalität – besonders jetzt während der Coronapandemie. Aber wie zugänglich sind solche digitalen Lernangebote für Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf? Und welche Möglichkeiten bieten sie für den inklusiven Unterricht? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das neue Projekt DILBi hoch hundert der Universität Bielefeld: Studierende begleiten den Schulunterricht und unterstützen als Digital Scouts Schüler*innen mit und ohne festgestellten Förderbedarf beim digitalen Lernen. Das Projekt kooperiert mit Gesamtschulen im Kreis der Bezirksregierung Detmold. Gefördert wird DILBi hoch hundert vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.

DILBi hoch hundert – das steht für Digitale inklusionssensible Lehrer*innenbildung Bielefeld hoch hundert. „Unsere Idee hinter dem Projekt ist es, allen Schüler*innen eine gleichberechtigte Teilhabe an digitaler Bildung zu ermöglichen“, sagt die Professorin Dr. Anna-Maria Kamin von der Fakultät für Erziehungswissenschaft. Die Bildungsforscherin leitet das Projekt zusammen mit Dr. Claudia Mertens. „Gleichberechtigte Teilhabe ist nur dann möglich, wenn Lernplattformen, Lern-Apps und andere Lernressourcen im sogenannten Universal Design konzipiert sind – also so, dass alle sie uneingeschränkt nutzen können“, so Claudia Mertens, die ebenfalls an der Fakultät für Erziehungswissenschaft forscht.

Das ist aber nicht bei allen digitalen Lernangeboten der Fall – etwa weil die Schrift zu klein, die Sprache zu kompliziert, die Bedienung nicht intuitiv ist oder aber weil Hilfestellungen wie Untertitel und Sprachausgabe fehlen. Schüler*innen fällt es mitunter schwer, solche Angebote zu nutzen – das gilt zum Beispiel für Kinder und Jugendliche, die eine Lese- und Rechtschreibschwäche haben, die nur vermindert sehen oder hören können oder die aufgrund motorischer Einschränkungen Schwierigkeiten haben, auf einem Display zu tippen. „Dabei haben digitale Lernmedien prinzipiell ein hohes Potenzial, Schülerinnen mit Förderbedarf bei der Bearbeitung von Lerninhalten zu unterstützen“, so Kamin.

Sie leiten DILBi hoch hundert: Dr. Claudia Mertens (li.) und Prof’in Dr. Anna-Maria Kamin (re.). Foto links: Hilla Südhaus, Foto rechts: Universität Bielefeld

Studierende prüfen digitale Lernangebote auf Zugänglichkeit

Wie müssen digitale Lernangebote also gestaltet sein, damit sie für alle Schüler*innen barrierefrei zugänglich sind und chancengerechtes Lernen unterstützen? „Das ist die Ausgangsfrage unseres Basisprojekts DILBi, auf dem DILBi hoch hundert aufbaut“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Claudia Mertens. „Hierzu bieten wir seit Herbst 2020 ein Seminar an, in dem wir Studierende zu Digital Scouts ausbilden.“ Die Teilnehmer*innen des Seminars prüfen, wie barrierefrei digitale Angebote sind – und entwickeln darauf aufbauend eigene inklusive digitale Lernmaterialien. Zielgruppe sind dabei Schüler*innen mit den Förderschwerpunkten „Lernen“ und „geistige Entwicklung“.

Digitale Lernwerkzeuge für individuelle Förderung nutzbar machen

Bei der Bearbeitung haben die Studierenden die Wahl: Entweder entwickeln sie Tools, die Schüler*innen mit und ohne festgestellten Förderbedarf dabei helfen, digitale Kompetenzen zu erwerben. Beispiele sind etwa Lern- und Erklärvideos zu Themen wie dem Schreiben von E-Mails, dem Einloggen bei Videotelefonie-Diensten wie Zoom oder der Verwendung von Lern-Apps. Oder sie erarbeiten Materialien, die fachliches Wissen in den Fächern Mathe, Deutsch und Deutsch als Fremdsprache vermitteln.

„Den Praxistransfer stellen wir dann in diesem Jahr mit DILBi hoch hundert her“, sagt Mertens. Die Studierenden erproben die Materialien, die sie erarbeitet haben, in kooperierenden Schulen im Regierungsbezirk Detmold. Quereinsteiger*innen können ebenfalls auf die digitalen Tools aus dem Seminar zurückgreifen. Geplant ist, dass die Seminarteilnehmer*innen im Sommersemester 2021 die Praxisphase zum Seminar an den Schulen absolvieren. Je nachdem, wie sich die Coronapandemie entwickelt, soll es Präsenztermine vor Ort und Onlinetermine geben.

Die Studierenden haben so die Möglichkeit, ihre theoretischen Kompetenzen als Digital Scouts in der Schulpraxis anzuwenden und die erarbeiteten Lernmedien mit einer Schulklasse zu erproben. Ziel dabei ist, für Schüler*innen mit Förderbedarf Teilhabemöglichkeiten beim gemeinsamen Lernen zu schaffen. „Im Idealfall bedeutet Inklusion, dass alle Schüler*innen – ob mit oder ohne Förderbedarf – zusammenarbeiten“, erklärt Mertens. „Digitale Medien können dabei helfen. Das heißt: Alle lernen am gemeinsamen Unterrichtsgegenstand. Wer Hilfestellungen, wie zum Beispiel eine leichtere Sprache oder Rechtschreibstrategien, braucht, kann diese individuell anfordern – zum Beispiel durch bestimmte Funktionen in einer Lern-App.“

Indem die Digital Scouts ihre Ideen in den Unterricht einbringen, sollen außerdem Lehrkräfte für das Thema digitale Teilhabe sensibilisiert werden. Sie bekommen von den Studierenden außerdem Methoden, Tools und Materialien an die Hand, die sie wiederum für den Unterricht verwenden können. Das Projekt hilft, ein bestehendes Betreuungsproblem zu lösen: „Schüler*innen mit Unterstützungsbedarf benötigen idealerweise eine Eins-zu-eins-Betreuung, gerade wenn es darum geht, Medienkompetenzen zu erwerben“, sagt Mertens. „Das können Lehrkräfte im Schulalltag kaum leisten – erst recht nicht in der aktuellen Pandemielage. Diese Betreuung übernehmen dann zum Teil die Digital Scouts.“ Die Erfahrungen, die Digital Scouts und Lehrkräfte im gegenseitigen Austausch sammeln, können schließlich ins Fort- und Weiterbildungssystem für Lehrkräfte zurückgespiegelt werden.

Wirkung hoch 100

Die Jubiläumsinitiative Wirkung hoch 100 des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft e.V. fördert in einem mehrstufigen Prozess herausragende Projekte aus den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Innovation. In der ersten Förderphase wurden nun aus über 500 Bewerbungen die hundert besten ausgewählt – darunter das Projekt DILBi hoch hundert. Außer mit einer finanziellen Förderung – 5.000 Euro für das Bielefelder Projekt – unterstützt der Stifterverband die Projekte praktisch, indem er sie mit Expert*innen und Partner*innen aus ihrem jeweiligen Wirkungsfeld zusammenbringt und vernetzt.