Wie türkische Migrant*innen Zusammenhalt in Deutschland erleben

04.02.2021
von: Linda Thomßen

„Wir diskutieren in Deutschland darüber, dass sich Migrant*innen aus der Türkei aus der Gesellschaft zurückziehen. Ob das so ist und was genau geschieht, ist allerdings wissenschaftlich kaum untersucht“, sagt Professor Dr. Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. In dem neuen Projekt „Transnationale Einflüsse, migrantische Identitäten und gesellschaftlicher Zusammenhalt“ (TransMIGZ) erforscht Zick gemeinsam mit türkischen IKG-Kolleginnen, wie Menschen aus der Türkei gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland wahrnehmen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Vorhaben mit einer halben Million Euro.

Die IKG-Forschenden Prof. Dr. Andreas Zick (li.o.), Aydin Bayad (re.o.), Dr. Ekrem Duzen (li.u.) und Elif Sandal-Önal (re.u.) untersuchen, was Türkischsein in Deutschland heute heißt. Fotos (3): Universität Bielefeld, Foto li.u.: Arti Media GmbH

„Wenn Menschen zusammenhalten, helfen sie einander in Krisen, sie tauschen sich aus und teilen eine gemeinsame Identität“, sagt Professor Dr. Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Das neue Projekt TransMIGZ gehört zu 19 Forschungsprojekten zum Zusammenhalt in Europa, die vom BMBF ausgewählt wurden. „Neben allen wissenschaftlichen und politischen Definitionen werden wir Gruppen von Menschen fragen, was sie unter Zusammenhalt verstehen – in diesem Fall die größte Migrant*innen-gruppe in Deutschland, die Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.“

Wissenschaftler*innen aus der Türkei forschen im Projekt
Was empfinden Migrantinnen aus der Türkei als wichtig für den Zusammenhalt in der Gesellschaft? Wie erfahren sie Zusammenhalt in Deutschland und wie erleben sie ihn? Zick geht diesen Fragen gemeinsam mit seinen drei türkischen Kolleginnen Dr. Ekrem Düzen, Elif Sandal Önal und Aydin Bayad am IKG nach.

„In den vergangenen Jahren hat der türkische Staat die in Europa lebenden türkeistämmigen Menschen vermehrt an ihre Herkunft erinnert und dazu aufgerufen, eine Art nationale Diaspora aufzubauen, also eine geschlossene Gemeinschaft im Aufnahmeland“, sagt Dr. Ekrem Duzen. „Dabei behandeln der türkische und auch der deutsche Staat die türkeistämmigen Menschen als eine homogene Gruppe, obwohl es sich um viele unterschiedliche Gemeinschaften handelt. Niemand hat diese vielen verschiedenen Menschen bisher gefragt, wie sie sich von beiden Ländern wahrgenommen fühlen.“ Duzen forschte als Psychologe an der Universität Izmir (Türkei). Seit vier Jahren lebt er in Bielefeld und wird von der Philipp Schwartz-Initiative für gefährdete Wissenschaftler*innen gefördert.

Mediale Analysen mit Befragungen kombinieren
Das zweisprachige Forschungsteam geht im Projekt empirisch vor. In einem ersten Schritt werten die Sozialpsycholog*innen aktuelle politische Texte über Integration und Zusammenhalt in türkischen Zeitungen und sozialen Medien aus. „Wir analysieren dabei, was Medien darüber vermitteln, wie sich Menschen aus der Türkei in Deutschland verhalten sollen und ob es dazu eine einheitliche politische Agenda gibt“, sagt Ekrem Duzen.

In einem zweiten Schritt schauen die Forschenden auf die medialen Beiträge, die im Zusammenhang mit dem Putschversuch durch das türkische Militär im Jahr 2016 stehen. Das Team konzentriert sich auf die Medien, die am häufigsten konsumiert wurden, und untersucht, welche Appelle in den Beiträgen an die türkeistämmigen Menschen in Deutschland gerichtet wurden. Was wurde von der türkischen Regierung mit Blick auf die im Ausland lebenden türkeistämmigen Menschen diskutiert? Welche Bedeutung hatte die Zeit nach dem Putschversuch für die türkeistämmigen Menschen in Deutschland?

In einem dritten Schritt führen die Wissenschaftler*innen Interviews mit Menschen aus der Türkei, die Deutschland als ihre Heimat betrachten. „Neben den Fragen nach dem gelebten und erlebten Zusammenhalt interessieren wir uns dafür, wie sich ihre Beziehung zur Türkei gestaltet, was Türkischsein heute heißt und welche Rolle nostalgische Gedanken an ein großes türkisches Reich spielen“, sagt Zick.

Ergebnisse sollen mit deutsch-türkischen Gemeinden diskutiert werden
Nach den Analysen und Befragungen nimmt die Übertragung in die Praxis einen großen Teil des Projekts ein: „Im letzten halben Jahr der zweieinhalbjährigen Projektlaufzeit werden wir Vorschläge für politische Entscheidungsträger*innen entwickeln“, so Zick. „Außerdem wollen wir in Workshops mit deutsch-türkischen Gemeinschaften genauer diskutieren, was Zusammenhalt bedeutet und wo es Probleme geben könnte.“

Das Projekt TransMIGZ wird für zweieinhalb Jahre mit 500.000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert (Förderziffer 01UG2115). Die Fördermaßnahme steht unter dem Dach des Rahmenprogramms „Gesellschaft verstehen – Zukunft gestalten“. Damit fördert das BMBF Forschung in den Sozial- und Geisteswissenschaften, die zu einem besseren Verständnis und zur Bewältigung komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen beiträgt.