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„Mit Daten Entscheidungen transparent machen“


Autor*in: Jörg Heeren

Daten nutzen, um das Selbstverständnis der eigenen Universität zu schärfen: Darin liegt laut Professor Dr. Robbert Dijkgraaf vom Institute for Advanced Study in Princeton (USA) eine Chance von Digitalisierung in Hochschulen. Er warnt Hochschulen davor, sich von Daten beherrschen zu lassen. Dijkgraaf nahm an der Podiumsdiskussion „Wie die Wissenschaft im Zeitalter der Daten steuern? Good Governance vs. Ökonomisierung“ im Audimax der Universität Bielefeld teil. Mit der Diskussion von fünf Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wissenschaft endete die Jubiläumskonferenz der Universität.

„Wie sollen wir die Wissenschaft im Zeitalter der Daten steuern?“ Mit dieser Frage leitete der Moderator Benedikt Schulz vom Deutschlandfunk in Köln die Diskussion ein. „Ist die Vorstellung von Hochschulgovernance, vom Willen zur Gestaltung, im Zeitalter der Daten gefährdet oder mindestens auf die Probe gestellt?“, fragte Schulz und verwies auf die Verfügbarkeit einer wachsenden Zahl an Daten und die Möglichkeit, diese Daten in immer größerem Maßstab schneller und effizienter zu analysieren. Er wollte wissen, ob Hochschulführungen sich aus ökonomischen Gründen an Kennzahlen ausrichten müssen.

Sie diskutierten im Audimax (v.l.): Prof. Dr.-Ing. Gerhard Sagerer, Prof. Dr. Eva Quante-Brandt, Moderator Benedikt Schulz, Prof. Dr. Ada Pellert, Prof. Dr. Dieter Imboden und Prof. Dr. Robbert Dijkgraaf. Foto: Universität Bielefeld/S. Sättele

Umgang mit Daten ist gesamtgesellschaftliches Thema

„Daten können Entscheidungen unterstützen und transparent machen“, sagte Professor Dr.-Ing. Gerhard Sagerer, Rektor der Universität Bielefeld. Der Informatikprofessor bedauerte, dass die Gesellschaft 40 Jahre lang versäumt habe, Entwicklungen aus der Informatik und die Behandlung von Daten schrittweise in ihre Kontexte einzuführen. Er wies auf die Skepsis hin, ob Daten das abbilden, was sie abbilden sollen: „Die Validität von Daten war schon immer ein Thema“, sagte er. Datenbanken seien nichts Neues. Aber: In der Gesellschaft und damit auch in den Organisationen sei das Thema Daten lange Zeit nicht angekommen, so Gerhard Sagerer.

„Die Hochschulen stehen in einer großen Verantwortung, die Kompetenz im Umgang mit Daten zu schärfen“, sagte die SPD-Politikerin Professorin Dr. Eva Quante-Brandt, frühere Wissenschaftssenatorin des Landes Bremen.  So gehe es um die Frage, wie in der Verwaltung die Digitalisierung vorangebracht werden könne. „Welche Qualifikationen sind dort erforderlich, welche Qualifikationen sind gar nicht am Start?“ Doch auch die Qualifikationsprofile für Lehre und Forschung müssten die Digitalisierung berücksichtigen.

Algorithmus kann Entscheidung nicht abnehmen

Hochschulen müssten ihre Datenschätze besser nutzen, meinte Professorin Dr. Ada Pellert, Rektorin der FernUniversität in Hagen und Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung. „Wenn ich mir die Realität deutscher Hochschulverwaltungen anschaue, habe ich nicht das Gefühl, dass wir viel mit Daten steuern“, sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie beobachte, dass Hochschulen ungeheure Mengen an Daten sammeln, diese aber nicht verwenden und sinnvoll aggregieren. Doch: „Auch wenn ich Daten habe, muss ich Entscheidungen treffen.“ Daten könnten nur unterstützen. „Dass der Algorithmus die Entscheidung liefert – das wird nicht klappen.“

Diese Ansicht vertrat auch Professor Dr. Dieter Imboden. Der Umweltphysiker und Wissenschaftsmanager war Vorsitzender der Internationalen Expertenkommission zur Evaluation der Exzellenzinitiative. „Wir haben uns in der Kommission bewusst nicht mit Kennzahlen auseinander gesetzt“, erklärte Imboden. Vielmehr habe die Kommission Menschen an Universitäten interviewt. Die zentrale Frage sei: „Was macht eine gute Universität aus?“ Eine gute Universität werde in erster Linie über Menschen gesteuert. Entscheidend sei, welche Personen an die Universität geholt werden. Daten könnten helfen, gewisse Dinge anzuschauen. „Sie sind aber kein Substitut für die Tatsache, dass Sie am Schluss selber entscheiden müssen, zum Beispiel im Gespräch oder im Studium der Akten, ob sie solche Personen wollen“, so Imboden. „Eine Universität lebt auch davon, Leute zu holen, welche in diesen Datenscreenings durch die Maschen fallen würden.“

Gefahr, Biodiversität im akademischen System zu verlieren

Datenanalysen könnten zum Beispiel bei der Auswahl neuer Studierender unterstützen, wenn das Ziel verfolgt werde, eine Studierendenschaft zu haben, die die Bevölkerung repräsentiert, so Professor Dr. Robbert Dijkgraaf, Direktor am Institute for Advanced Study in Princeton (USA). Er sehe aber ein großes Risiko darin, Daten auf die Forschung zu beziehen. „Über die vergangenen Jahrzehnte haben wir gesehen, dass wir mehr messen und mehr Rankings aufstellen“, sagte Dijkgraaf. Mit Blick auf Forschung sei heute von der „Tyrannei der Metriken“ die Rede. Dijkgraaf sieht in der Ausrichtung auf Daten die Gefahr, dass Universitäten und Forschungseinrichtungen risikoscheu werden. „Wir wollen mehr Berechenbarkeit“, stellte er fest. „Das ist mit der Gefahr verbunden, dass wir nicht langfristig denken, dass wir nur solche Ergebnisse wollen, die messbar sind.“ Er machte deutlich, dass ein klares Profil helfen kann, sich gegen die Ausrichtung an äußeren Kennzahlen zu wappnen. „Es kann passieren, dass wir Erfolg alle auf die gleiche Art messen und wir dadurch viel Biodiversität im akademischen System verlieren.“ Die Universität Bielefeld sei interessant, weil sie mit einem klaren Profil gestartet sei. Sie wurde 1969 als „Theoretische Universität“ gegründet . Oft würden solche eindeutigen Profile fehlen, so Dijkgraaf.