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Wie die Kultur der Sinti und Roma Europa prägte


Autor*in: Lara Schwenner

Das RomArchive will Stereotypen begegnen und den Künsten der Sinti und Roma ein Gesicht verleihen. Die Europäische Kommission und Europa Nostra, das führende europäische Kulturerbenetzwerk, haben das RomArchive mit dem renommierten Europäischen Kulturerbepreis Europa Nostra Awards 2019 ausgezeichnet. Der Preis wird am 29. Oktober in Paris verliehen. An der digitalen Sammlung hat auch der Germanist Professor Dr. Klaus-Michael Bogdal von der Universität Bielefeld mitgewirkt.

„Zigeuner“, die bettelnd in der Fußgängerzone sitzen, deren Kinder ältere Menschen bestehlen, die auf Kosten anderer leben. Wer an Sinti und Roma denkt, hat meist Vorurteile im Kopf. Die Diskriminierung der Roma begann bereits im 14. Jahrhundert, weiß Professor Dr. Klaus-Michael Bogdal. Der Germanist der Universität Bielefeld hat die Geschichte der Sinti und Roma viele Jahre in literarischen und künstlerischen Werken untersucht und seine Ergebnisse im Buch „Europa erfindet die Zigeuner“ festgehalten. Damals glaubte man etwa, die Roma kommen von den Rändern der Welt, als Abgesandte des Teufels. Im 19. Jahrhundert wurden sie als Indianer Europas bezeichnet, bis die Roma-Feindlichkeit schließlich rassistische Züge annahm. Geschichten wie die, dass Roma Kinder rauben, setzten sich im kulturellen Gedächtnis fest.

Doch all die Vorurteile über Sinti und Roma verdecken eine vielfältige Kultur, die Europa über Jahrhunderte mitgeprägt hat. Der Flamenco ist wohl das beste Beispiel dafür. Die leidenschaftlichen Lieder und Tänze verbinden die meisten traditionellerweise mit spanischer Folklore – dabei liegen die Wurzeln des Flamencos in der Roma-Kultur, die in Andalusien viele Jahre unterdrückt und verfolgt wurde. 

Sinti und Roma im Fokus

Um den Vorurteilen zu begegnen und den künstlerischen Leistungen der Sinti und Roma einen Schauplatz zu bieten, wurde von den Kulturwissenschaftlerinnen Franziska Sauerbrey und Isabel Raabe das RomArchive ins Leben gerufen. Es ist ein digitales Archiv, das die Sinti- und Roma-Kultur sichtbar und im Internet für jedermann zugänglich machen will.

Als Kenner der Sinti- und Roma-Kultur war auch Klaus-Michael Bogdal an diesem umfassenden Kulturprojekt beteiligt: Als stellvertretender Vorsitzender gehörte er dem wissenschaftlichen Beirat des RomArchive an. Zusammen mit anderen Forschenden, Künstlerinnen und Künstlern wie auch Aktivistinnen und Aktivisten war er für die Konzeption und den Aufbau des digitalen Archivs maßgeblich verantwortlich.  

Von Anfang an war klar: „Wir wollen nicht von oben herab die Geschichte der Sinti und Roma Kultur nacherzählen und damit den Fehler der Vergangenheit wiederholen – nämlich erneut unsere Sichtweise auf die Kultur darstellen“, erzählt Bogdal. Deshalb präsentieren sich die Sinti und Roma im RomArchive selbst. Das heißt: Sie besetzten nahezu alle verantwortlichen Positionen – als Kuratoren, Künstler, Wissenschaftler und Mitglieder des Projektbeirats.

Vielfältige Kultur

Die Kuratorinnen und Kuratoren, Roma aus nahezu allen Ländern Europas, stellten den Bestand des Archivs zusammen: Sammlungen zu den Themen Tanz, Film, Literatur, Musik, Theater, Bildende Kunst und Flamenco. Aber auch Selbstzeugnisse über die Verfolgung von Sinti und Roma unter dem Nazi-Regime und wissenschaftliches Material zur Bürgerrechtsbewegung sind enthalten. So entstand am Ende eine beeindruckende Sammlung der genannten Kunstgattungen, ergänzt durch historische Dokumente und wissenschaftliche Texte.

„Das Spektakulärste, das wir während unserer Arbeit gefunden haben, sind schriftliche Dokumente von Menschen, die im Holocaust umgebracht worden sind oder ihn überlebt haben“, sagt Klaus-Michael Bogdal. „Da die Kultur der Sinti und Roma eine mündliche ist, hat man bisher angenommen es gebe keine Selbstzeugnisse über diese Phase.“

RomArchive ausgezeichnet

Die Webseite des RomArchive ist im Magazinstil gestaltet und inspiriert den Besucher mit Bildern und Geschichten, tiefer in die Themen einzutauchen. Hintergrundinformationen helfen, den Kontext zu verstehen, in dem jedes Werk entstanden ist. Die Inhalte sind verfügbar in Englisch, Deutsch und Romanes – der Sprache der Roma. „Das Archiv soll keineswegs unkritisch sein, kein Werbefilm einer Kunstagentur“, betont Bogdal, das war ihm als Mitglied des Projektbeirats wichtig. Stattdessen bildet es die Breite und die Widersprüchlichkeit der Kultur der Roma in Europa ab.

All die Arbeit wurde schlussendlich belohnt. Die Europäische Kommission und Europa Nostra, das führende europäische Kulturerbenetzwerk, haben das RomArchive mit dem renommierten Europäischen Kulturerbepreises Europa Nostra Awards 2019 ausgezeichnet. Der Preis wird am 29. Oktober in Paris während des Europäischen Kulturerbekongresses verliehen.

Als das RomArchive, das bis zum Launch von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde, nach fünf Jahren Arbeit Anfang 2019 endlich online gegangen ist, endete auch Klaus-Michael Bogdals Arbeit im wissenschaftlichen Beirat. Dem Thema den Rücken kehren will der Bielefelder Germanist allerdings nicht. Zwar verbessert sich die Situation der Roma langsam in den zentralen Demokratien Europas, in vielen Ländern ist sie aber nach wie vor schwierig. Seit März 2019 ist Bogdal deshalb Mitglied der Unabhängigen Kommission Antiziganismus, die die Bundesregierung berät, wie sich die Diskriminierung von Sinti und Roma in Deutschland und Europa reduzieren lässt.

Dieser Artikel ist eine Vorabveröffentlichung aus „BI.research“, dem Forschungsmagazin der Universität Bielefeld. Die neue Ausgabe des Magazins erscheint im November 2019.