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Unsicher, aber nicht mehr unberechenbar


Autor*in: Julia Bömer

Unsicherheit macht politische Verhandlungen und Finanzmärkte schwer kalkulierbar. Beispiel Brexit-Gespräche: Für die Politik ist die Ausgangslage unsicher und der Ausgang der Verhandlungen unklar. Wie können Modelle diese Unsicherheit besser berechnen und in der Praxis helfen? Dazu arbeitet das Forschungsprojekt „Doppeldeutigkeit in dynamischen Umgebungen“ von vier Universitäten aus Europa und Asien: der Universität Bielefeld, Queen Mary University London (Großbritannien), Paris School of Economics (Frankreich) und der Kyoto University (Japan). Das Projekt startet mit einer Konferenz vom 25. bis 27. März am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF).

Die größten Forschungsförderungsorganisationen der beteiligten Länder Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Japan unterstützen die Forschung als Teil der „Open Research Area for the Social Sciences“ (ORA, Offener Forschungsraum für Sozialwissenschaften). Professor Dr. Frank Riedel vom Institut für Mathematische Wirtschaftsforschung leitet den Bielefelder Teil des Projekts und knüpft an eine Bielefelder Forschungshistorie an. „Mit der Konferenz und dem Projekt entwickeln wir erfolgreiche Bielefelder Forschungsansätze und Modelle kontinuierlich weiter“, sagt Frank Riedel.

Professor Dr. Frank Riedel. Foto: Universität Bielefeld

1980 bis 1990er-Jahre: Die Spieltheorie, die eine Entscheidungsfindung bei mehreren Beteiligten simuliert, wird maßgeblich von Professor Dr. Reinhard Selten und Professor Dr. Johan Harsanyi entwickelt. Selten leitet 1987 bis 1988 die Forschungsgruppe „Game Theory in the Behavioral Sciences“ („Spieltheorie in den Verhaltenswissenschaften“) am ZiF. Sie forschen danach ein Jahr lang in Bielefeld gemeinsam zur Spieltheorie. Sie erhalten 1994 mit einem weiteren Forscher den Nobelpreis für diese Leistung. Harsanyi vertrat stets den Ansatz, dass alle Spieler die Wahrscheinlichkeiten für unbekannte Ausgänge kennen, vergleichbar etwa mit einem Kartenspiel wie Skat, bei dem ein kluger Spieler die Wahrscheinlichkeiten der Kartenverteilungen ausrechnen kann.  

Die drei Preisträger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften aus dem Jahre 1994 im ZiF: Prof. Dr. Robert Aumann (USA, Israel), Prof. Dr. Reinhard Selten und Prof. Dr. John E. Harsanyi (USA). Foto: Universitätsarchiv Bielefeld

„Von diesem Ansatz gehen wir im ORA-Projekt weg. Wir gehen von Unsicherheit in dynamischen Prozessen aus. „Von diesem Ansatz gehen wir im ORA-Projekt weg. Wir gehen von Unsicherheit in dynamischen Prozessen aus. Menschen können anhand von Wahrscheinlichkeitsrechnung bisher keine sicheren Vorhersagen treffen und vertrauen eher auf ihre Intuition; dies gilt nicht zuletzt auch für Expertinnen und Experten. So hat die Finanzkrise gezeigt, dass eben nicht immer alle Beteiligten um den Ausgang eines Spiels wissen – in dem Fall um die Entwicklung der Märkte“, sagt Frank Riedel. So hat die Finanzkrise gezeigt, dass eben nicht immer alle Beteiligten um den Ausgang eines Spiels wissen – in dem Fall um die Entwicklung der Märkte“, sagt Frank Riedel.

2015: Eine ZiF-Forschungsgruppe unter der Leitung von Frank Riedel erarbeitet, welche Fehler in Modellen eine Rolle in der Finanzkrise gespielt haben und wie robustere Modelle aussehen könnten. „Wir wissen aus diesem Forschungsprojekt, dass übliche Modelle, die auch zur Vorhersage von Finanzmarktentwicklungen genutzt wurden, lückenhaft sind. Modell-Unsicherheit wird bisher viel zu wenig mitberechnet.“ 

2017: Der Sonderforschungsbereich 1283 zur Berechnung des mathematischen Zufalls und der mathematischen Unsicherheit wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligt und nimmt seine Arbeit an der Universität Bielefeld auf. In einem Teilprojekt wird daran gearbeitet, Unsicherheit in mathematische Modelle einzubeziehen.

Das neue Projekt: Unsicherheit in der Praxis

2019: „Im neuen ORA-Projekt liegt der Schwerpunkt hingegen auf der Anwendung und strategischen Interaktionen: Wie können wir die verbesserten Modelle übertragen und in der Praxis nutzen?“, sagt Frank Riedel. Die Bielefelder Forschenden beschreiben im ORA-Projekt die Anwendungsgebiete. In Paris werden die Experimente durchgeführt, in London wird das Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft analysiert, in Japan wird erforscht, wie optimales Investment unter Unsicherheit gelingt. „Bei Konferenzen wie dem Auftakt in Bielefeld können wir Ergebnisse, Fragestellungen und Ideen zusammenfließen lassen und so das Projekt vorantreiben“, sagt Frank Riedel.

Das dreijährige Projekt wird durch die „Open Research Area for Social Sciences (ORA)“ mit 640.000 Euro gefördert. Das europäisch-japanische Forschungsvorhaben ist eines von 16 ausgewählten Projekten, die aus 180 Projektanträgen ausgewählt wurden. Die Förderlinie “Open Research Area for the Social Sciences” ist ein gemeinsames Förderprogramm der größten Forschungsförderungs-organisationen aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien. In Deutschland ist der Förderträger beispielsweise die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).