Wie umgehen mit Büchern, die im Verdacht stehen, von NS-Verfolgten geraubt worden zu sein? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Universitätsbibliothek Bielefeld – und hat ein neues Verfahren entwickelt. Verdächtige Bücher werden erfasst, gekennzeichnet und systematisiert. Nun wurden 120 Titel an die Lost Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste überführt und damit öffentlich zugänglich und recherchierbar gemacht.
Obwohl die Universität Bielefeld als Reformuniversität nach der NS-Zeit gegründet wurde, gibt es auch in ihrem Bibliotheksbestand Bücher, die im Verdacht stehen, NS-Raubgut zu sein – etwa durch den antiquarischen Ankauf von Buchbeständen. 2023 stieß ein Bielefelder Geschichtsstudierender zufällig auf ein Buch der Bibliothek, welches Hinweise auf eine unrechtmäßige Entwendung der ursprünglichen Besitzer*innen während des Nationalsozialismus aufwies. Daraufhin entwickelte die Universitätsbibliothek Bielefeld einen Workflow, um Titel, die unter Verdacht stehen, ein Kulturgutverlust zu sein, zu erfassen.
Die Bibliothekar*innen verzeichneten händisch mehr als 400 verdächtige Titel mit ihren Provenienzmerkmalen – also Eigenschaften, die auf die Herkunft der Bücher verweisen, wie etwa Stempel, oder handschriftliche Vermerke. Das Ergebnis: Von den rund 400 erfassten Büchern handelt es sich bei rund 360 Werken wahrscheinlich um Kulturgutverluste und davon bei rund 120 Titeln um NS-Raubgut.
Im digitalen Bibliothekskatalog werden betroffene Werke mit einem Nebenvermerk „Verdacht NS-Raubgut“ geführt und unter der neuen Systemstelle mit dem Namen „Verdacht Kulturgutverlust“ gelistet. So lassen sich die Werke innerhalb der Systematik über ihren neuen Nebeneintrag finden. Anschließend gelangen die Bücher samt Nebeneintrag und Ausleihsperre wieder an ihren ursprünglichen Regalplatz.
Nun hat die Universitätsbibliothek 120 Titel, die unter Verdacht stehen, NS-Raubgut zu sein, an die Lost Art-Datenbank überführt, die durch den Bundesbeauftragten der Regierung für Kultur und Medien gefördert wird. In der Datenbank sind zahlreiche Gegenstände wie Bücher, aber auch Gemälde oder Skulpturen systematisch verzeichnet, die im Verdacht „Kulturgutverlust“ im NS-Kontext stehen. Verdächtige Güter von im NS-Verfolgten werden in Lost-Art damit transparent auffindbar und recherchierbar – so auch die NS-Verdachtsfälle der Universitätsbibliothek Bielefeld.
Für dieses Engagement und Verantwortungsbewusstsein bescheinigt die Koordinationsstelle für Provenienzforschung in Nordrhein-Westfalen (kurz KPF.NRW), die in Kooperation mit dem Nordrhein-Westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft und den Landschaftsverbänden Rheinland und Westfalen-Lippe die Herkunftsforschung in NRW bündelt, der Universitätsbibliothek Bielefeld einen sehr guten und transparenten Umgang mit verdächtigen Büchern – als Vorreiter in NRW. Nichtsdestotrotz bleibt es zum heutigen Zeitpunkt – über 80 Jahre nach der NS-Zeit – eine Herausforderung, die jetzt gelisteten Verdachtsfälle weiter zu verfolgen und aufzuarbeiten.