Wie kann künstliche Intelligenz (KI) Menschen mit kognitiven Einschränkungen helfen, sich im oft stressigen medizinischen Alltag besser zurechtzufinden? Zum 5. Mai, dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, lohnt sich ein Blick auf den Fokusbereich AI*IM der Universität Bielefeld. In dem Forschungsnetzwerk arbeiten Expert*innen aus Medizin, Technik und Geisteswissenschaften zusammen – mit einem klaren Ziel: echte Teilhabe statt bloßer Unterstützung. Die Professorinnen Dr.-Ing. Anna-Lisa Vollmer und Dr.-Ing. Britta Wrede verraten, wie KI dabei helfen kann, das Gesundheitswesen für alle zugänglicher zu machen.
Was verbirgt sich hinter dem Namen AI*IM?
Anna-Lisa Vollmer: AI*IM steht für „Artificial Intelligence and Inclusive Medicine“, also künstliche Intelligenz und inklusive Medizin. Wir wollen mit KI-basierter Assistenztechnologie Menschen mit kognitiven Einschränkungen unterstützen, mit dem Ziel, ihre Teilhabe in einem medizinischen Umfeld und darüber hinaus zu verbessern. Unsere Vision ist es, individuelle funktionelle Einschränkungen auszugleichen – also zum Beispiel beim Verstehen, Kommunizieren oder im Umgang mit komplexen Situationen.
Britta Wrede: Die Zielgruppe sind zunächst Menschen mit sogenannter Intelligenzminderung, aber langfristig denken wir das weiter – über alle Altersgruppen und Einschränkungsformen hinweg. Das klingt nach einem ziemlich breiten Ansatz.

© Patrick Pollmeier
Das klingt nach einem ziemlich breiten Ansatz. Wie gehen Sie an die Forschung heran?
Vollmer: Was AI*IM besonders macht, ist der partizipative Ansatz. Wir wollen KI nicht für, sondern mit Menschen entwickeln. Menschen mit kognitiven Einschränkungen sind von Anfang an dabei, zum Beispiel als inklusive Lehrassistent*innen, ILAs, die gemeinsam mit uns Lehre und Forschung gestalten. Sie sind eingebunden über das Projekt FRiMeL zur Realisierung inklusiver Lehre im Medizinstudium von Tanja Sappok, Professorin für inklusive Medizin am Krankenhaus Mara.
Wrede: Außerdem arbeiten wir interdisziplinär: Wir sind mehr als 40 Wissenschaftler* innen aus Medizin, Technik, Psychologie, Philosophie, Linguistik, Gesundheits- und Erziehungswissenschaft, Soziologie – alle bringen ihr Wissen ein. Außerdem sind wir im Austausch mit der Zentralen Anlaufstelle Barrierefrei der Universität. So viele unterschiedliche Sichtweisen verlangsamen Prozesse manchmal, dafür ist es aber viel echter. Und es entsteht ein Raum, in dem man einfach mal nachfragen kann, wenn man etwas nicht versteht, ganz ohne Scheu.

© Michael Adamski
Wie kann es gelingen, Ihre Forschungsergebnisse in den Alltag der Menschen zu bringen?
Vollmer: Das ist ein großes Thema. Denn was in der Forschung entsteht, ist meist ein Prototyp – keine marktreife Lösung. Wir forschen aktuell auch daran, wie dieser Transfer gelingen kann. Eine Mitarbeiterin aus dem Bereich der Gesundheitswissenschaften hat mehr als 50 Interviews mit Akteur*innen in ganz Deutschland geführt, die zu erfolgreichen Transferprojekten aus der Forschung in die Versorgung beitragen. Wir brauchen diesen dritten Partner – also Start-ups, Unternehmen, weitere universitäre Abteilungen oder Beratungsunternehmen –, der uns dabei unterstützt, Technik aus der Forschung in die Gesundheitspraxis zu bringen. Und wir müssen gleichzeitig Vertrauen schaffen: Nicht alle im Medizinbereich sind technikaffin. Es braucht Akzeptanz, dass Technologie wirklich helfen kann.
Welche ethischen Herausforderungen begegnen Ihnen dabei?
Wrede: Ein Beispiel ist bereits das Thema der Einwilligung zur Teilnahme an Studien. Wer gilt als einwilligungsfähig? Momentan ist das gesetzlich ziemlich pauschal geregelt. Aber in Wirklichkeit ist Mündigkeit kontextabhängig: In manchen Situationen kann eine Person durchaus eine informierte Entscheidung treffen – und in anderen nicht. Wir entwickeln dazu gerade gemeinsam mit der Soziologie und Philosophie ein begleitendes Forschungskonzept. Es geht darum, die Realität differenzierter abzubilden und damit fairer zu gestalten.
Gibt es so einen Forschungsschwerpunkt wie AI*IM auch an anderen Universitäten?
Wrede: Nicht in dieser Form. Was AI*IM besonders macht, ist die Kombination von zwei starken lokalen Kompetenzen: dem CITEC – unser Zentrum für kognitive Interaktionstechnologie – und der inklusiven Medizin mit Bethel, in einer Region mit starkem Schwerpunkt auf Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Diese Verbindung ist einzigartig.
Wie können Studierende an AI*IM teilhaben?
Vollmer: Wir planen aktuell ein Curriculum für inklusive Medizin, in dem auch assistive Technologien eine Rolle spielen. Studierende können hier in Projektseminaren eigene Ideen entwickeln, Systeme testen oder Konzepte zur Weiterentwicklung beisteuern. Auch die ILAs, also Menschen mit kognitiven Einschränkungen, sollen dabei als Co-Dozierende mitwirken. Das macht nicht nur das Studium praxisnäher, sondern verändert auch die Perspektiven.
Was war für Sie persönlich ein besonderer Moment in der bisherigen Arbeit?
Wrede: Unser Kick-off-Tag Anfang Mai 2025. Mehr als 35 Menschen aus allen Bereichen waren da, einige auch mit kognitiven Einschränkungen, alle hoch motiviert. Was mich besonders beeindruckt hat, war die Offenheit. Niemand musste sich verstellen. Alle konnten fragen, mitdenken, mitgestalten. Vollmer: Genau das wünschen wir uns für die Zukunft: dass wir diesen Geist bewahren – und damit wirklich etwas verändern.
Vollmer: Genau das wünschen wir uns für die Zukunft: dass wir diesen Geist bewahren –
und damit wirklich etwas verändern.

