Gute Ideen fallen nicht vom Himmel – sie entstehen im Austausch und im Alltag. Der Fokusbereich PINC geht der Kreativität auf den Grund: Was befähigt Menschen dazu, Neues zu denken? Wie entwickeln sich Ideen weiter, wenn andere sie aufgreifen? Und wie zeigt sich das in der Sprache? Die Linguist* innen Professorin Dr. Joana Cholin und Professor Dr. Ralf Vogel über neun Disziplinen, die gemeinsam zu Kreativität und Innovation forschen.
Was ist eigentlich eine gute Idee?
Joana Cholin: Eine gute Idee ist für mich vor allem eine relevante Idee – eine, die etwas Verbindendes hat, die man interdisziplinär betrachten kann. Sie spricht verschiedene Perspektiven an und motiviert Menschen, sich damit zu beschäftigen. Im Sonderforschungsbereich 1646 geht es um sprachliche Kreativität, im Fokusbereich PINC wollen wir darüber hinausgehen und Alltagskreativität und Kreativität allgemeiner in verschiedenen sozialen und kulturellen Bereichen untersuchen und vergleichen.
Ralf Vogel: Aus der Kreativitätsforschung weiß man, dass gute Ideen nicht aus dem Nichts kommen, sondern auf Traditionen aufbauen und auch an aktuelle Notwendigkeiten anknüpfen. Eine Idee ist also immer nur bezogen auf konkrete historische Situationen gut. Entscheidend dafür ist auch die Bewertung durch andere. In der Wissenschaft beispielsweise ist der Umgang mit Ideen ziemlich institutionalisiert über Fachzeitschriften, Forschungsinstitutionen, fachliche Diskurse. Dort werden Ideen ständig bewertet – wenn wir Forschungsergebnisse diskutieren, publizieren wollen, Anträge stellen oder wenn wir sie begutachten. Was als kreative Leistung gilt, entscheidet selten allein die Person, die sie erbringt. Deshalb ist dafür auch relevant, wie eine Idee dargestellt und kommuniziert wird.

© Universität Bielefeld
Können Sie ein Beispiel aus der Sprachwissenschaft geben, wie sich Kreativität konkret zeigt?
Vogel: Ein schönes Beispiel ist die berühmte Pressekonferenz des Fußballtrainers Giovanni Trapattoni von 1998. Er sagte am Schluss „Ich habe fertig“ statt „Ich bin fertig“. Das war grammatisch falsch, aber die Formulierung wurde aufgegriffen, in ihrer Bedeutung verändert, und ist heute eine gebräuchliche Redewendung. Wir verdanken sie auch dem Mut Trapattonis, trotz seiner eingeschränkten Deutschkompetenz in freier Rede eine Pressekonferenz zu halten, und der Sympathie, die ihm dabei entgegenschlug. Beides ist nicht selbstverständlich. Solche Phänomene zeigen, wie Sprachwandel funktioniert: Jemand traut sich, etwas Neues, also eigentlich Falsches, zu sagen, andere greifen es aber positiv auf und verändern es für ihre Zwecke weiter. Gut 26 Jahre später, nach dem Ende der Koalition aus SPD (rot), FDP (gelb) und Grünen im Bundestag, hieß es dann: „Die Ampel hat fertig“ (Die Ampelkoalition ist am Ende). Jüngere Menschen verwenden die Wendung heute ganz selbstverständlich, ohne noch irgendetwas über ihre Herkunft zu wissen. So entsteht Innovation in der gemeinsamen Sprache – ganz konkret im Alltag, durch Kommunikation.
Und Prozesse wie diesen wollen Sie mit PINC erforschen?
Vogel: Genau, im Zentrum stehen Innovation und Kreativität – wie der Mensch, im weitesten Sinne, seine Lebenswelt gestaltet und verändert. Insgesamt neun Fakultäten sind an PINC beteiligt. Wir vergleichen kreative Prozesse aus der Perspektive sehr unterschiedlicher Fachrichtungen: von Sprache über Literatur, Kunst, Musik, Philosophie, Geschichte und Ökonomie bis zu Erziehungswissenschaft, Medizin, Psychologie und Informatik. Unser gemeinsames Ziel ist es, besser zu verstehen, wie soziale oder kulturelle Erneuerung entsteht und abläuft. Cholin: Besonders spannend ist für uns, was Menschen überhaupt dazu befähigt, kreativ zu sein. Welche kognitiven Ressourcen braucht man? Welche Persönlichkeitsmerkmale? Und: Wie beeinflussen sich Menschen gegenseitig? Kreativität ist nie rein individuell. Sie ist immer auch ein soziales, kommunikatives Phänomen.

© Mike-Dennis Müller
Was können Disziplinen voneinander lernen, wenn sie gemeinsam über Kreativität nachdenken?
Cholin: Sehr viel. Allein die Begrifflichkeit ist spannend. In der Literaturwissenschaft wird über den Geniebegriff gesprochen, in der Erziehungswissenschaft über kreative Prozesse in Schulen. Wir kommen aus der Linguistik und denken viel über Alltagskreativität während des Sprechens und in der Kommunikation nach. Diese unterschiedlichen Zugänge bereichern sich gegenseitig und eröffnen neue Denkwege. Vogel: Wir merken: Kreativität ist ein universelles Thema. Aber sie zeigt sich in jedem Feld anders. Genau das macht den Reiz aus – und den Wert von PINC.
Kommen wir zum Sonderforschungsbereich 1646 „Sprachliche Kreativität der Kommunikation“ der Universität. Warum scheitert Kreativität manchmal?
Cholin: Das ist genau eine der zentralen Fragen unseres SFB. Es zeichnet sich bereits ab, dass Kreativität stark von den Kontextbedingungen abhängt. Es gibt Umgebungen, in denen Kreativität kaum gedeiht – etwa sehr formelle oder sehr reglementierte Situationen. Dann gibt es wiederum Situationen, gerade in der Interaktion, in denen Kreativität gut gelingt. Hier ist interessant, wo und wie man sich über Grenzen hinauswagt.
Vogel: Gleichzeitig wissen wir aus der Linguistik auch, dass es systematische Grenzen gibt. Wenn ich ein völlig neues Wort erfinde, muss ich mich sehr anstrengen, um es verständlich zu machen. Wir weichen meist nur in kleinen Schritten kreativ von der etablierten Sprache ab. Was erhoffen Sie sich langfristig von PINC, auch mit Blick auf die Gesellschaft? Vogel: Wir möchten verstehen, unter welchen Bedingungen Menschen gute Ideen haben und diese auch äußern können. Gerade in Krisensituationen ist das essenziell. Es braucht dann keine etablierten Routinen, die unter Umständen die Krise erst auslösten. Im Gegenteil, es braucht dafür Räume, die Kreativität ermöglichen, die also Individuen ermuntern, frei und mutig ihren Eingebungen zu folgen und sich darüber auszutauschen. Unsere Forschung kann dazu beitragen, solche Bedingungen zu erkennen und zu schaffen – in der Wissenschaft, in der Bildung, in der Gesellschaft.