(Verschoben) Uncertainty-Talk: Ungewissheit im digitalen Zeitalter

„Ungewissheit ist etwas, was wir erstmal nicht mögen“, stellt der bekannte Psychologe und Risikoforscher Professor Dr. Gerd Gigerenzer fest. Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam und hat zuletzt mit anderen das Buch „Grüne fahren SUV und Joggen macht unsterblich“ veröffentlicht. Seine Forschung dreht sich neben anderem um die Frage, wie es bei begrenzter Zeit, wenig Information und einer ungewissen Zukunft möglich ist, rationale Entscheidungen zu treffen. Den Umgang mit der Ungewissheit im digitalen Zeitalter thematisiert Gerd Gigerenzer in einem Vortrag der neuen Reihe „Uncertainty-Talk“. Nachdem der zunächst für den 21. November geplante Vortrag nicht stattfinden konnte, steht nun der Nachfolgetermin fest: Professor Dr. Gerd Gigerenzer hält seinen Vortrag am Montag, 30. Januar, um 18.30 Uhr im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld. Der Eintritt zu dem Vortrag ist kostenlos.

„Google kennt uns besser als wir selbst“, sagt Gigerenzer. Algorithmen würden als allwissend vermarktet und auch die Regierungen von China bis zu Deutschland würden denjenigen Sicherheit versprechen, die sich nur mehr überwachen ließen. „Wie können wir lernen, vernünftig mit Ungewissheit umzugehen?“, so Gigerenzers Leitfrage.

„Das ist gerade angesichts von Krisenzeiten und einer rasanten Zunahme von komplexen Informationen ein aktuelles wie hochspannendes Thema“, findet auch Professor Dr. Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. „Gerd Gigerenzer ist einer der renommiertesten Risikoforscher der heutigen Zeit, dem wir zuhören sollten“, sagt Zick. Der Konfliktforscher organisiert die Uncertainty-Talks zusammen mit der Geschichtswissenschaftlerin Professorin Dr. Silke Schwandt und dem Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Herbert Dawid, ebenfalls beide von der Universität Bielefeld. Silke Schwandt sagt: „Gerd Gigerenzer erklärt mit seiner Forschung zum Beispiel, wie unsichere Zustände dazu führen, dass Bürger*innen sich von Autoritäten bevormunden lassen oder Fake News glauben. Und er zeigt, wie Menschen diese selbstverschuldete Unmündigkeit überwinden können.“

Der bekannte Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer ist zu Gast beim Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld.
Der bekannte Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer ist zu Gast beim Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld. Foto: Arne Sattler

Interview: „Wohin uns die Technologie führen wird, ist eine neue Erfahrung von Ungewissheit“

Anlässlich seines Vortrags im Zentrum für interdisziplinäre Forschung geht Gerd Gigerenzer im Interview darauf ein, was den Umgang mit Ungewissheit in der heutigen Zeit ausmacht.

Warum trägt, Ihrer Meinung nach, das digitale Zeitalter zusätzlich zur Ungewissheit der Menschen bei?

Gerd Gigerenzer: Digitale Technologie verändert uns alle, unsere Aufmerksamkeit, die Konzentration und auch unsere Werte. Wir sind so vernetzt wie nie zuvor. Die Kinder, die heute geboren werden, werden wahrscheinlich keine privaten Momente in ihrem Leben mehr erleben, in denen sie nicht überwacht, gescort und analysiert werden. Zugleich werden wir mit Medien-Hype überflutet, die uns alles verspricht, bis hin zum ewigen Leben in der Cloud. Wohin uns die Technologie – und die Interessen der Tech-Milliardäre hinter ihr – führen wird, ist eine neue Erfahrung von Ungewissheit.

Inwiefern führen unsichere Zustände dazu, dass sich Bürger*innen von Autoritäten bevormunden lassen oder Fake News glauben?

Gerd Gigerenzer: Regierungen und Tech-Konzerne versuchen uns zu überzeugen, dass wir besser daran sind, ihrer Autorität zu folgen und im Gegenzug dann Sicherheit erhalten. China ist etwa derzeit dabei, sein Sozialkredit-System landesweit auszuweiten. Alle Bürger erhält einen Punktwert, der ihr sozial- und politisch konformes Verhalten misst, und alles andere Verhalten, das man digital erfassen kann. Personen mit hohem Score erhalten Bonusse, wie bevorzugte Behandlung im Krankenhaus; jene mit niedrigem Score werden bestraft – in den letzten Jahren durften etwa zehntausende Menschen keine Flugtickets kaufen und ihre Kinder nicht auf die besten Privatschulen senden. Die meisten Chinesen finden das System gerecht. In Deutschland sind nach meinen Studien in 2022 bereits 20 Prozent der Erwachsenen für die Einführung eines Sozialkredit-Systems, und noch mehr unter den Jüngeren und Beamten. Staatliche Autorität und Überwachung wird immer mehr akzeptiert, Privatheit ein Wort der Vergangenheit.

Welche Strategie ist laut Ihrer Forschung besonders hilfreich, um Ungewissheit zu bewältigen?

Gerd Gigerenzer: Wir müssen alle wieder lernen, mitzudenken. Nach einer Studie über britische Journalisten, die zu KI-Themen schreiben, bestehen 60 Prozent dieser Medienberichte im Wesentlichen aus einer kritiklose Wiederholung von Industrie-Werbung. Nach einer kalifornischen Studie wissen 96 Prozent von über 3,000 Studenten nicht, wie man die Glaubwürdigkeit einer Webseite beurteilen kann. Wenn Kühlschränke, Häuser und Städte smart werden, warum dann nicht auch die Menschen?

Zur Person

Professor Dr. Gerd Gigerenzer ist Gründer und Gesellschafter von Simply Rational – Das Institut für Entscheidung. Er war unter anderem Direktor des Forschungsbereichs „Adaptive Behavior and Cognition“ (ABC) am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und am Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung, München, Professor an der University of Chicago und John M. Olin Distinguished Visiting Professor an der School of Law der Universität von Virginia. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) sowie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences und der American Philosophical Society. Seine mehrfach ausgezeichneten Sachbücher „Das Einmaleins der Skepsis“, „Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten“ und „Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ wurden in 21 Sprachen übersetzt.

Mehrere Uncertainty-Talks

Die Uncertainty-Talks sind aus einer Forschungsinitiative an der Universität Bielefeld hervorgegangen. Der Zusammenschluss beschäftigt sich intensiv mit Unsicherheit. Koordiniert wird die Initiative von Professorin Dr. Silke Schwandt, Professor Dr. Andreas Zick und dem Professor Dr. Herbert Dawid. Lange Zeit ist Unsicherheit als allgegenwärtige Bedrohung betrachtet worden, die es zu kontrollieren und im Zaum zu halten galt. Die neue Initiative strebt hingegen danach, die Forschung zu Ungewissheiten und Unsicherheiten auf eine breitere Basis zu stellen und voranzubringen. Dafür stellt sie die vielfältigen Arten der Navigation von Unsicherheit in den Mittelpunkt. Die Uncertainty-Talks sollen durch verschiedene Blickwinkel auf diese Analyse einen Beitrag zum interdisziplinären Verständnis dieses Forschungsansatzes leisten.

Außer dem Vortrag von Gerd Gigerenzer stehen auf dem Programm der „Uncertainty-Talks“ aktuell zwei weitere Veranstaltungen:

  • Montag, 5. Dezember, 18.30 Uhr: Professor Dr. David Tuckett vom University College London, Großbritannien. Der Ökonom und Medizinsoziologe stellt seinen Vortrag unter den Titel „Conviction Narrative Theory: Understanding ambivalence as a way forward” (Erzähltheorie der Überzeugung: Das Verstehen von Ambivalenz als Schritt vorwärts). Ort: Hörsaal 14 im Hauptgebäude der Universität.
  • Montag, 19. Dezember, 18.30 Uhr: Professor Dr. Armin Nassehi von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Soziologe spricht über das Thema „Entscheidungen unter Unsicherheitsbedingungen. Ein Pleonasmus oder ein steigerbarer Sachverhalt?“. Ort: Plenarsaal des ZiF.

Das Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld ist eine unabhängige, thematisch ungebundene Forschungseinrichtung und steht Wissenschaftler*innen aller Länder und aller Disziplinen offen. Das ZiF befindet sich auf dem Südcampus der Universität Bielefeld, Adresse: Methoden 1, 33615 Bielefeld.